Dinge, die ich erinnere

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Louisa

Beitragvon Louisa » 07.07.2010, 00:44

(In anderen Sprachen hört sich der Titel viel cooler an :smile: - trotzdem:)

Ich erinnere, das heißt, ich habe eine Hand voll Brotkrümeln.
Ich weiß nicht mehr woher das Brot und
ich weiß nicht mehr, ob ich das essen soll
oder einem Armen geben muss, der darüber lacht.
So wenig, so kläglich ist es – ich weiß nicht,
ob ich darüber lachen soll.

Du hast deinen Badeanzug mit rosa Seerosen
hochgezogen und deine Brüste in seine Schalen gelegt.
„Ab ins Körbchen!“ hast du gesagt.

Du hast die Mandarinen aus der Dose
in den Quark geschüttet und im Liegen
gegessen während der Fernseher sprach.

Du hast mit mir auf dem Rummelplatz
vor Baggerautomaten gestanden, ich habe geheult
bis mir jemand aus Mitleid sein Plüschtier gab.

Du hast deine Brüste bewegt,
du hast die Mandarinen gegessen,
du hast mit mir gewartet
bis ich glücklich war.

Du hast deinen blauen Badeanzug mit rosa Seerosen;
du hast ihn in den Quark gelegt; ich habe ihn mit dem Bagger
herausgezogen, du hast mit mir gegessen; als der Fernseher sprach

Ich habe eine Hand voll Brotkrümeln.
Ich weiß nicht, ob ich darüber –

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 10.07.2010, 12:50

Ach, Klara,

die Zeiten, in denen du jung warst, oder die, in denen ich jung war - die liegen schon ein Weilchen zurück ;-) Und wenn sie noch etwas länger zurücklägen, wäre für uns eher so etwas richtig:

Dinge, derer ich mich erinnere

Wobei: Wenn schon mit Präposition, dann kann es ja auch eine andere sein... Belegt ist etwa:

Dinge, von denen ich mich erinnere

Man kann auch ganz ohne Präposition auskommen:

Dinge, die ich mich erinnere

Oder vielleicht mit Dativ? Alles bekannt :-)

Dinge, die ich mir erinnere


Was mich persönlich etwas stört an Dinge, die ich erinnere, ist, dass nichtreflexivisches erinnern ja eher im Sinne von Ich erinnerte ihn daran, die Tür zu schließen gebraucht wird - und ich dann in Fällen wie diesem immer einen Moment brauche, um mir klarzumachen, das Louisa nicht welche Dinge auch immer an was auch immer zu erinnern beabsichtigt :pfeifen:

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

Klara
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Beitragvon Klara » 10.07.2010, 13:32

Hi ferdi (um mal ganz zeitgemäß, amerikanenglisch und jugendlich zu grüßen ;)),

mein Hauptpunkt lag auch auf dem Reflexivpronomen (das ja nur in Zusammenhang mit der Präp stehen kann?)

Ist es korrekt, (sich) ohne SICH an Dinge zu erinnern?

Und wo wir schon mal dabei sind: Gäbe es einen altertümlichen Genitiv von Dingen, der das Reflexivpronomen unnötig machte, also ungefähr: Ich erinnere Dingerer... (oder so)?

Danke für deine Mühe!
k

scarlett

Beitragvon scarlett » 10.07.2010, 13:43

erinnern + Akk. (jmd./etwas) ist regionalsprachlich; kommt vor allem in Norddeutschland vor.

standardsprachlich: sich erinnern + Gen. (sich jmds. /einer Sache erinnern) oder mit einem Präp.objekt (sich an jmdn./an etwas erinnern)

Österr. und Schweiz: zusätzlich sich auf etwas/jemanden erinnern

Duden, Band 9

wüstenfuchs

Beitragvon wüstenfuchs » 11.07.2010, 15:50

Hallo Louisa,

gefällt mir sehr gut.

Das Ineinanderschieben der Ebenen und wie es ich zum Schluss hin immer mehr in sich selbst auflöst, die gewählten Bilder, die ausgedrückte Zeitlosigkeit in der gewandelten Zeit finde ich sehr stark,

Greetinxs
Fux

Nifl
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Beitragvon Nifl » 11.07.2010, 17:50

Huhu Louisa.
... ja total schön. Ich bin tief berührt (und das passiert mir selten bei deinen Texten). Brotsamen finde ich allerdings auch seltsam. Und der Titel? Dinge? Ja, es sind die Dinge, „Transmitterdinge“. Sind es Dinge?
Auch die Vermischung, wow, gar kein Quark. Weiß gar nicht, ob ich die letzte Strophe noch bringen würde, da driftet es irgendwie auch leicht ins theatralisch Pathetische (ganz abgesehen von den „Körnern“)
LG
Nifl
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

Louisa

Beitragvon Louisa » 12.07.2010, 11:52

Hallo!

Ich habe mich sehr über die ANtworten gefreut, aber mein Internetzugang ist seit ein paar Tagen bis eben defekt gewesen - das ist also alles recht viel und neu für mich, was ihr kommentiert habt -

Ich muss mir das mit den Brotsamen überlegen, aber den Verweis auf Hänsel und Gretel mit Hilfe der "Brot- " (Was war es noch einmal?) - gefällt mir sehr gut.

Am Ende habe ich auch überlegt, ob ich vielleicht:

"Ich habe eine Hand voll Brotkrümeln (?)
Ich weiß nicht ob ich darüber schreiben soll -"

Was denkt ihr dazu?

Dinge, die ich erinnere - naja, ich finde das klingt schöner als "Dinge, an die ich mich erinnere" - ich pfeife ja gerne einmal auf grammatisches Regelwerk, wenn es dem Klang schadet :smile:

Danke! Ich antworte später noch einmal genauer! Ich habe jetzt Hunger *lach*

:blumen:
l

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Thomas Milser
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Beitragvon Thomas Milser » 15.07.2010, 02:27

Liebe Louisa,

dein Text ist bestimmt wieder genauso schön wie die vorangegangenen, aber der Titel ist so eklig, dass ich nicht lesen mag ... tu was, bitte!!!

Tom
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Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 02.08.2010, 17:38

ich habe ihn sehr gemocht, ach was, ich mag ihn immer noch, den text und besonders die diskussion um die borsamen, brotsamen, weil ich nämlich erst durch diese diskussion nachgedacht habe, was brosamen eigentlich bedeutet, diese krümel in denen etwas gedeiht, das ist es doch, was du da beschreibst in diesem gedicht, genau das kann erinnerung doch auch sein, nur reste, kleine, kaum erkennbare krümel und dann fragt man sich ob man sie essen kann, oder aufschreiben soll und auf einmal wächst etwas sehr eigenes daraus...


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