siebnundreissig im schatten

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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fenestra
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Beitragvon fenestra » 02.07.2010, 12:28

siebnundreissig im schatten


asphalt schmilzt lava rinnt die straßen hinunter zieht
meine schuhe fort die haut wirft blasen mit einer kelle
werden menschen aus der masse gehoben und schrei-
end über mir ausgegossen auf dem boden schlängeln
sich fettige därme in einer roten soße deine hand führt
mich hindurch bis an den fluss helden werden in gewag-
ten posen vorbeigezogen machen aufhebens um ihre
bugwellen bis jemand sie mit einem kescher einfängt
und auf die sandsteinpfeiler der brücke stellt wo sie
lautlos verwittern

die ganze nacht möchte ich hier bleiben die karte des
flusses vor dir ausbreiten dir sandbänke zeigen steil-
ufer stromschnellen rinnsale und mündungen lange
habe ich an dieser karte gezeichnet aber du sagst ich
habe das wort boot zu früh ausgesprochen einen tag
ein jahr zu früh und nun bringst du mich in sicherheit
vor einbruch der nacht alles andere würde man dir
später vorwerfen nach einem tag einem jahr

so werde ich durch den tunneleinschnitt in das zimmer
gebracht keine tür drei fenster durch die eine brüllende
meute mit glühendroten augenpaaren hereinstürzt wenn
sie geschlossen werden verfestigt sich das harz um mich
herum eine fliege im bernstein denke ich das wort boot
der harzblock wird zum boot treibt den fluss hinab den
rhein treibt um sandbänke an steilufern stromschnellen
rinnsalen und mündungen vorbei bis an die loreley


ich habe einen friseurtermin
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Tunneleinschnitt.JPG
Zuletzt geändert von fenestra am 07.10.2010, 16:58, insgesamt 1-mal geändert.

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nera
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Beitragvon nera » 06.10.2010, 02:48

obwohl ich mich hier verabschiedet habe, lese ich gelegentlich und bin dankbar.
ein text, der für mich eine ähnliche dynamik hat , wie allen gingsbergs "howl".
stark! mich stören nur zwei sachen/ worte: in der ersten strophe, zweite zeile: schuh..?
da müsste es für mich "schuhe" heißen. und der zeilenumsprung am ende der zeile (ist etwa verwirrend)
-und in der dritten strophe, zweite zeile, ist mir das "gebracht" zu schwach?
merci merci

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 07.10.2010, 16:57

Liebe nera,

es freut mich, dass dieser Text dich als stille Leserin mal wieder hat hereinschauen lassen! Gingsbergs Howl ist ja verfilmt worden, was sich bei solchen Szenarien immer anbietet - Lisa meinte auch, dass sich dieser Text für filmische Experimente anbieten würde. Tja, wenn man sowas könnte ...

Was deine beiden Anregungen betrifft, gebe ich dir Recht. Das (unsichtbar apostrophierte) Schuh' ist wohl durch die Atemlosigkeit, in der der Text verfasst wurde, so kurz geraten. Ich muss jetzt auch sagen, dass es dem Textfluss keinen Abbruch täte, wenn dort Schuhe stände - es würde den Leser vielleicht sogar weniger irritieren. Ich werde es ändern.

Über 'gebracht' hatte ich auch schon nachgedacht. 'Geleitet' trifft es nicht. Aber 'geführt' würde auch klanglich recht gut passen, wegen der Assonanz mit 'Tür' und den weiteren ü-Wörtern, die folgen. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob bei 'geführt' derselbe Eindruck entsteht, wie bei 'gebracht', nämlich, dass das lyr. Ich danach allein in dem Zimmer zurück gelassen wird. Ich denke nochmal drüber nach.

Herzlichen Dank für das genaue Hinschauen und viele Grüße
fenestra

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nera
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Beitragvon nera » 11.10.2010, 00:22

ich lese für mich "katapultiert" statt "gebracht". hadere sogar etwas mit dem "so" am zeilenanfang der dritten strophe.
dieses "so" verlangsamt, beruhigt, streichelt fast, reflektiert zuviel. (für mich). keine ahnung, wie ich das erklären soll. ich würde mir auch keine assonanz wünschen, sonder eher eine dissonaz, von wegen der "ü´s". dieses zimmer ist ein doppelter albtraum; die bedrohung von außen, aber auch von innen, wenn man das außen ausschließt . in dieses zimmer gebracht zu werden, hat etwas gewaltätiges. bis zur loreley.
letztendlich ist der "friseurtermin" das hoffungsvollste. okay, für mich.
übrigens: in der zweiten strophe, vierte zeile ein wunderbarer zeilenwechsel mit diesem "ich" am ende und der nachfolgengenden zeile!
grüße

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nera
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Beitragvon nera » 11.10.2010, 01:41

nochmal
dieser text hat genau das, was ich an lyrik liebe. er fasziniert mich beim ersten lesen, auch wenn ich nicht jedes bild sofort verstehe. wie musik. ich muss ihn öfter lesen/ hören und je öfter ich lese, desto mehr bilder erschließen sich mir. vielleicht nicht die bilder, die der autor im kopf hatte, als er das schrieb. aber ich glaube nicht daran, dass das notwendig ist.
ein guter text ist in dem moment ein guter text für mich, wenn er mein kino wird, wenn er meine melodie wird.
ich hinterfrage dann nicht ( wenn ich analysiere) und ziehe keine parallelen, warum der autor/ der komponist diese eine strophe so gefällig gestaltet hat, sondern warum mich dieser text so seht berührt, obwohl nur diese eine strophe so gefällig ist?
und ob nicht gerade das nicht-gefällige der anderen strophen die spannung erzeugt...die passende dissonanz, der kontrapunkt.
dazu brauche ich kein literaturstudium, sowenig wie ein musikstudium brauche um mich von musik berühren zulassen. ich bin nur konsument. und hier ist eine melodie, die mich mitreißt nur beim lesen und die beim wiederholten lesen weiter überrascht und kino wird.

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 11.10.2010, 16:59

Liebe nera,

vielen Dank, dass du mich daran teilhaben lässt, wie der text auf dich wirkt! Ich glaube auch, dass der Leser nicht wissen muss, wodurch der Autor zu seinen Bildern gefunden hat. Wichtig ist, dass der Text eine eigenständige, stimmige Bilderwelt mit genügend Assoziationskraft hervorruft.

"Katapultieren" würde für mich in S3 nicht passen, denn das albtraumhafte des Zimmers entwickelt sich ja gerade in, ja durch die Abwesenheit anderer Personen. Erst wenn der Begleiter fort ist, beginnt der Albtraum. Im eigenen Kopf. Eine ü-Assonanz klänge für mich recht schräg, wie überhaupt alle Umlaute, also eigentlich eher disharmonisch, was ja zum Folgenden gut passt.

Viele Grüße
fenestra

pjesma

Beitragvon pjesma » 27.06.2011, 14:19

auch ein toller text. kommt sehr gut und reich und üppig aus, auch ohne viele adjektive :-) (mein verhältnis zu adjektiven ist etwas gespalten, kommt wohl aus muttersprachlichem...wo sie hochgeschätzt sind und nicht als zu vermeidende gelten---ich weiß ich weiß!---man sollte sie schon vorsichtig benutzen, dennoch verrenne ich mich gerne hinein...)...zu sehen wie jemand es dicht und verschachtelt und poetisch schafft, auch ohne!!! ...bereitet mir ein genuss:-)

lg, pj


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