Paulus

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Paul Ost

Beitragvon Paul Ost » 03.09.2006, 14:48

Wollte Dich mir
von der Seele schreiben,
doch mit jeder Zeile
ritze ich
ein weiteres Bild
auf die Tafeln
meines Herzens.

Benutzeravatar
leonie
Beiträge: 8896
Registriert: 18.04.2006
Geschlecht:

Beitragvon leonie » 03.09.2006, 23:10

Lieber Paul Ost,

ich komm nicht drauf: Warum heißt das Gedicht „Paulus“?
Es gefällt mir sehr, auch wenn es mir mit dem Schreiben oft anders geht...

Liebe Grüße
leonie

pandora

Beitragvon pandora » 04.09.2006, 06:41

hallo paul,

ich denke irgendwie auch eher an moses...

p.

resumee

Beitragvon resumee » 04.09.2006, 11:52

Ich finde auch, dass sich zumindestens die Ansätze von Moses und Paulus mischen.

"... Apostel des Evangeliums für die Völker (Gal 1,15f). Als solcher bereiste er den östlichen Mittelmeerraum und gründete dort einige Christengemeinden. Als ihr Seelsorger schrieb er in griechischer Sprache eine Reihe von Briefen an sie, die zu den ältesten erhaltenen urchristlichen Schriften gehören." (Wikipedia)

Hier kann ich die Parallele zu "Wollte Dich mir von der Seele schreiben" verstehen. Paulus sozusagen als Erfinder des seelsorgenden Schreibens.

Das Einritzen auf Tafeln stammt aber deutlich aus dem Empfang der Zehn Gebote, und das gehört zu Moses.

Ich würde mich auch sehr über die Aufklärung den Titel betreffend freuen.

Mit verregneten Grüßen aus Dortmund!

resumee

scarlett

Beitragvon scarlett » 04.09.2006, 12:41

Lieber Paul,

Moses oder Paulus - hin oder her - mir gefällt dein Gedicht, eröffnet es doch mehrere Interpretationsmöglichkeiten. Die Tafeln des Herzens finde ich sehr gelungen!

Sonnige Grüße aus München,

scarlett

Paul Ost

Beitragvon Paul Ost » 04.09.2006, 19:56

Liebe Leserinnen,

etwas "auf die Tafeln des Herzens" zu schreiben ist ein typischer Paulus-Spruch.

Nach Moses hat es sozusagen eine Medienrevolution gegeben. Moses ritzte noch die Gesetze in Stein, damit sein Volk diese lesen konnte. Aber hatte sein Volk dieses Gesetze auch verstanden? Und beherzigt? Paulus war da schon ein bisschen weiter. Christen sollten ihr Wissen auf den Tafeln des Herzens vermerken. Viel haltbarer! Herzenssache eben.

Abgesehen davon ist Paulus natürlich auch mein Namensspender.

Grüße

Paul Ost

Niko

Beitragvon Niko » 05.09.2006, 01:28

mir fiel spontan die redewendung " vom saulus zum paulus" ein. und habe so versucht das gedicht anzugehen. mir ist es ein wenig zu abgeschottet (hermetisch?)
lieben gruß: Niko

Paul Ost

Beitragvon Paul Ost » 05.09.2006, 14:46

Lieber NJKahlen,

so hermetisch ist dieses Gedicht doch gar nicht, oder? Vor einiger Zeit schrieb ich mal ein Kurzgedicht mit dem Titel "Ritter von der traurigen Gestalt". Dieses hier ist so eine Art Fortsetzung.

Übrigens finden die Tafeln des Herzens sich auch in anderen Bibelsprüchen. Dieser hier ist hervoragend für Eheschließungen geeignet: "Nie sollen Liebe und Treue dich verlassen; binde sie dir um den Hals, schreib sie auf die Tafeln deines Herzens." (Spr 3,3)

Danke für Dein Feedback.

Paul Ost

Benutzeravatar
Lisa
Beiträge: 13944
Registriert: 29.06.2005
Geschlecht:

Beitragvon Lisa » 05.09.2006, 19:31

Lieber Paul,
es gibt eben keine tabula rasa...besonders nicht "nach der Liebe"

...was ich schwierig finde ist: erst gehts um Schreiben, dann um Bilder...man könnte natürlich an Hieroglyphen denken, aber ist so etwas gemeint?...Oder ist der Unterschied absichtlich gesetzt?

Liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

Paul Ost

Beitragvon Paul Ost » 05.09.2006, 23:36

Liebe Lisa,

das griechische Wort "grapho" übersetzen wir heute mit "schreiben". Es bedeutet auch "ritzen". Die alten Griechen schrieben ja nicht nur auf Papyrus.

Heute hat das Geschriebene nichts mehr mit seinem physischen Ursprung zu tun. Was Du hier von mir liest, sind Zahlenreihen, von denen nichts mehr auf ihre Herkunft zurückweist.

Aber dennoch. Wenn ich schreibe, selbst wenn ich nur digitale Botschaften sende, entsteht auf den Tafeln meines Herzens ein Gegenabdruck. Wenn ich schreibe, verändert mich dieses Schreiben. Es hinterlässt Spuren in mir. Diese, so nehme ich das zumindest wahr, haben die Form von Bildern.

Und wer weiß? Gelegentlich enstehen auch beim Leser Bilder. Ein kleines Kopfkino...

(Ich habe heute Abend keine Drogen genommen und auch nicht Derrida gelesen!)

Grüße

Paul Ost

königindernacht

Beitragvon königindernacht » 06.09.2006, 23:02

Ich finde diesen Text total spannend und nachdenkenswert.

Da geht es in meinen Augen um vielmehr als um die Liebe zu einem Partner, auch wenn es nicht so beabsichtigt war. Ob es auch um die Liebe zu GOtt geht? Je mehr ich mich mit dem Glauben zu ihm auseinandersetze, mich sogar (warum auch immer) von ihm lösen möchte, desto mehr nähere ich mich ihm gleichermaßen. Gehört auch dies zu deinen Gedicht- Intentionen, Paul?

Herzlichst, KÖ

Paul Ost

Beitragvon Paul Ost » 07.09.2006, 15:19

Liebe Königin der Nacht,

für mich persönlich spielt der Glaube an ein transzendentes Wesen hier eine geringe Rolle.

Das lyrische Ich befindet sich in meiner Lesart eher in der Falle dessen, der hofft, dass die romantische Zweierbeziehung gleichsam die Wunden heilt, die die Moderne und der Verlust alter Glaubenssysteme geschlagen haben. Das kann natürlich nicht funktionieren.

Auch das Schreiben als Ausweg funktioniert an dieser Stelle nicht. Schrift ist schließlich ein Medium der Erinnerung, nicht des Vergessens. Ein gesunder Verdrängungsprozess wäre vermutlich sinnvoller.

Dennoch halte ich Deine Lesart für legitim. Zudem finde ich es verfehlt, sich für die "Intention" eines Autors zu interessieren. Kein Text der Welt kann eindeutig sein und eine wie auch immer geartete Intention transportieren. Das ist bestenfalls eine Schulirrlehre, weil es beim Bewerten hilft, einem Schriftsteller eine Intention zuzuschieben, damit diese abgefragt werden kann.

Grüße

Paul Ost

königindernacht

Beitragvon königindernacht » 07.09.2006, 15:29

Lieber Paul,

in diesem Forum finde ich es gar nicht verfehlt, die Frage nach den Überlegungen eines Autors zu stellen. Es geht auch nicht um das Zuschieben von Erklärungen- Ich interessiere mich einfach für die Gedankengänge anderer Menschen (und für sie selbst) und dafür, ob sie sich auch meinen Überlegungen/ Empfindungen in Bezug auf ihre Texte öffnen könnten/wollen.
Dies hast du ja getan und meine, zugegebener Weise neugierige Frage, klar beantwortet.


Paul Ost

Beitragvon Paul Ost » 07.09.2006, 15:33

Liebe Königin der Nacht,

gewiss kann ein Autor Fragen zum Text beantworten. Das tut er dann in neuen Texten. Der alte wird dadurch nicht anders.

Aber ich möchte hier nicht unbedingt über Literaturtheorie diskutieren.

Deine Lesart habe ich nicht vorausgesehen. Sie ist aber da und völlig legitim. Das ist wichtig.

Grüße

Paul Ost


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 74 Gäste