dorn der weißen zeit

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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fenestra
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Beitragvon fenestra » 27.05.2013, 21:48

aktuelle Version:

weißdornborn


im mai mal die mehlweibchen sehn
wie sie weißbekränzt
über weiden wirbeln
von weichen rindermäulern frisiert
den warmen atem
stets auf den fersen

nach letzten nachtfrösten
über eichblütengewürm
und mistkäferflügel
ins hudeland gehn

ein duft aber auch ganz schön scharf
sektschalen mit rosa perlentrunk
gegen herzklopfen

gleich durch dornentore kriechen
alles abstreifen was hindert
die nase tief ins thymiankissen
saugen am veilchensporn

da starrt der stier und starrt

hilft nur wegstolpern
durch dichten farnwald
kreischt ein jungstar

seine bodygards
fliegen hastig voran
zum ausgang


zweite Version:
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weissdorn.JPG


erste Version:
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Zuletzt geändert von fenestra am 31.05.2013, 19:38, insgesamt 3-mal geändert.

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 29.05.2013, 00:48

Hallo Fenestra,

das erinnerte mich etwas an Novalis 'das Gedicht' mit den perlenden Bechern, aber ich finde die Bewegung insgesamt sehr schön.
Einige Details würden mir anders besser gefallen:
Der Anfang ist mir ein bißchen zu dick aufgetragen - weidenweiten wirbeln - wirkt gelesen etwas maniriert auf mich, obwohl es sicher schön klingt, wenn du es vorliest.
Wie wäre die Variante:

seit wochen lockig frisiert
stets den heißen atem
von weichen rindermäulern
dicht den schlanken fersen
ist ihre hochzeit gekommen

Das 'hinter mir lassend' wirkt etwas behäbig, würde ich mir Mut zur syntaktischen Lücke - äh - sammeln, ja. Und braucht es das Herzklopfen wirklich - den Bogen von der pelzigen Blüte zum Rindermaul finde ich viel sprechender, das Herz stieß mir unangenehmer auf, ich nehme gleich noch ein paar Tropfen ... (vielleicht dürften die Weiblein stattdessen noch expliziter werden ?=
Das Ende hat noch Potenzial, glaube ich, ich finde sehr gut, dass der Störenfried bis in die Sprache wirkt und markant anders gesprochen wird, aber notausstieg? Da müsste der Stier seine Massen mindestens in Gang setzen. Und warum erklärst du die Stars nicht zu Deinen Bodygards, statt seinen? Das leuchtete mir nicht ein.
Aber es sind alles Kleinigkeiten, sowas wirkt ja leider immer großmächtig kritisch, weil die 'bißchen' den Geruch des Höflickeitsdiminuitivs nicht los werden. Dabei bin ich gar nicht höflich.
Grüße
Franz

Gerda

Beitragvon Gerda » 29.05.2013, 10:10

Wunderbar!

Ich bin deine Schritte mitgegangen,
gefangen vom Wohlklang der Stabreime, angeregt durch deine feinen Bilder.
Ein Gedicht, das daran erinnert, es gab schon andere Maien ...;-)

Ich habe Räubers Besprechung gelesen. Bei den Bodygards sehe ich das völlig anders als er, ist doch klar, dass du die Vogeleltern meinst und genau das hast du m. A. n. beabsichtigt. Das Lyrich will nicht stören, du bleibst im Bild der Fauna und betreibst hier keine Effekthascherei.

Den anderen von Räuber markierten Textstellen würde ich Aufmerksamkeit schenken.

Liebe Grüße
Gerda

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 29.05.2013, 11:42

Ich finde vor allem den Titel toll.

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 29.05.2013, 21:15

Erstmal vielen Dank für die Hinweise, ich habe hier wirklich lange gebastelt und vielleicht muss noch mehr getan werden.

Ja, "über weidenweiten wirbeln" ist sehr dick (auch wenn es wirklich genau so aussieht da draußen). Lockig sind die Sträucher allerdings nicht frisiert. Die Rinder beißen alle Zweige bis 50 cm über dem Boden ab, wie einen Bubikopf. "hinter mir lassend" kommt weg. Das Herz muss irgendwie drinbleiben. Oder weiß jeder, dass man aus Weißdornblüten ein Herzmittel herstellen kann? (Mein Ansatz zieht gerade auf der Fensterbank durch). Die Bodyguards: Kann es sein, Franz, dass du die "Jungstars" (wie du statt Jungstare schreibst) gar nicht als Vögel identifiziert hast, sondern als Jungvieh? Allerdings würden die nicht kreischen ...

Mehr Weibchen, mehr Erotik also, ja, könnte man machen. Vielleicht fällt mir da noch ein Dreh ein. Erstmal ging es mir um die Gegenüberstellung dieser zarten anmutigen Naturwesen mit dem doch eher unbeholfenen lyr. Ich, das eigentlich nur stört. Durch diese Brechung dachte ich auch, dass die zugegeben sehr romantisch geratenen ersten Verse erträglich werden.

Ich habe nun aber noch eine flapsigere Version eingestellt und bin gespannt auf eure Meinung.

Ach ja, zum Titel: Ich finde den Titel auch schön, aber passt er wirklich zum Text? Da war ich mir nicht so sicher.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 30.05.2013, 09:36

Hallo Fenestra,

wieder klasse bearbeitet! Für mich ist die zweite Version in sich viel stimmiger, auch der Rhythmus und Klang. Vor allem der Anfang hat gewonnen. Den ersten Titel finde ich zwar auch sehr schön, aber für mich passt er tatsächlich nicht zu diesem Gedicht, ist mit dafür zu "unnatürlich" (nicht negativ gemeint) und erhaben, zu wenig verspielt. Der neue Titel passt dafür wunderbar.

Für mein Lesen hat es noch ein paar kleine Stolperstellen.

im mai mal die mehlweibchen sehn Durch das "mal" wird es für mich fast zu Zungenbrecher? Da würde ich streichen, oder die alte Version nehmen. einmal im mai die mehlweibchen sehn

über eichenblütengewürm Mit dieser Verkürzung würde mir das Wort natürlicher und als eines von den Lippen gehen. So fällt eine starke Betonung auf die drei einzelnen Worte darin.

ein duft aber holla auch ganz schön scharf Das "auch" ist mir noch ein bisschen blass. Gerade, weil du hinterher auch mit "hach" arbeitest. Ein Ausruf wie "holla" würde da doch schön passen?

sektschalen mit rosa perlentrunk
in winkehändchen
Für mich ist das Herzklopfen an dieser Stelle nicht kitschig, sondern eher schön trocken. Die Winkehändchen sind mir ein wenig zu niedlich, oder zu spöttisch geraten.
Das Herz muss irgendwie drinbleiben. Oder weiß jeder, dass man aus Weißdornblüten ein Herzmittel herstellen kann?
Nein, ich wusste, wüsste es sonst nicht und finde auch, dass das drinbleiben muss. :) Das "frisch beherzt" ist mir dafür schon zu weit weg, zumindest habe ich den Zusammenhang nicht gesehen.

an den veilchenspornen saugen Ist für mich auch ein wenig zu lang und wird dadurch leicht leierig? "am veilchensporn saugen"?

bis dieser stier da mit sturem blick
starrt und starrt

hilft nur wegstolpern
durch dichten farnwald
ein jungstar kreischt
seine bodygards
sofort zur stelle
zeigen den ausgang


Die letzte Strophe ist für mich noch nicht ganz rund, die einzelnen Zeilen sind noch zu isoliert voneinander, zu abgehackt. (Obwohl ich mir auch denken könnte, dass das genau so sein soll, um die Stimmung zu transportieren, das Abgehetzte, Atemlose der Flucht ... trotzdem. .-)) Eine Idee fände ich, das "bis" des Stiers zum Jungstar hinunterzuziehen. Beim Stier könnte man es denke ich leicht durch ein "dann" bzw. "dann steht da" ersetzen?
Und am Ende könntest du dann vielleicht die "w" Laute des Anfangs nochmal aufgreifen. In diese Richtung zum Beispiel:
bis ein jungstar kreischt
und seine bodygards
mir den weiten weg
zum ausgang
weisen


Ich kann mir aber bei allen Stellen vorstellen, dass sie durch dein Lesen dann plötzlich einzig richtig klingen. :) Vielleicht ist trotzdem noch eine Idee für dich dabei.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Gerda

Beitragvon Gerda » 30.05.2013, 11:01

Liebe fenestra,

Flora hat geschrieben:wieder klasse bearbeitet! Für mich ist die zweite Version in sich viel stimmiger, auch der Rhythmus und Klang. Vor allem der Anfang hat gewonnen. Der neue Titel passt dafür wunderbar.


Dem kann ich mich sehr gut anschließen. :daumen:

Mir geht
"mai mal die mehlweibchen sehen

leicht von der Zunge. Bei einer Umstellung, erhielte diese Stelle eine andere Betonung, klänge nicht mehr pfiffig.

Beim "eichenblütengewürm" schließe ich mich flora an, "eich" statt "eichen", klingt nicht so beschwerlich.

Das "aber auch" hinter Duft, so vermute ich, beinhaltet den Hinweis, dass dieser Duft sehr intensiv ist und sich in den Nasenschleimhäuten einnisten kann ... dann eben auch nicht mehr angenehm riecht.

fenestra hat geschrieben:sektschalen mit rosa perlentrunk
in winkehändchen


Dieses Bild ist mir zu weit hergeholt, oder mir fehlt die Phantasie, besonders "Winkehändchen" fällt für mich raus, bekommt etwas zu Niedliches

In der ersten Version
fenestra hat geschrieben:sektschalen mit rosa perlentrunk
reichen sie mir
gegen das herzklopfen


gehe ich eher mit, obwohl ich mit dem "Rosa" nicht recht etwas anfangen kann ... die Blüten sind ja weiß
Die zweite Version, ist an dieser Stelle eine Umschreibung, keine Änderung, wie ich finde.

fenestra hat geschrieben:bis dieser stier da mit sturem blick
starrt und starrt

Wie wäre denn statt des "bis" zu Beginn, ein "wenn"? Dann wäre der Übergang zu hilft vorhanden

hilft nur wegstolpern
durch dichten farnwald
ein jungstar kreischt
seine bodygards
sofort zur stelle
zeigen den ausgang


Ich meine, dass du hier Allitirationen mit "s" ("z" klingt ähnlich, [st und sch]) beabsichtigt hast. "den weiten weg" ... hat eine andere Aussage, als "zeigen den ausgang" ... also die Eile, die du möglicherweise beabsichtigt hast, ginge in Floras Vorschlag verloren.

Herzliche grüße
Gerda

Mucki
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Beitragvon Mucki » 30.05.2013, 13:58

Hallo fenestra,

ins Detail gehen möchte ich gar nicht, das machen ja schon Flora und Gerda.
Ich möchte dir nur Feedback geben, dass mich die zweite Fassung viel mehr anspricht als die erste, sie ist melodischer und fließender, finde ich.

Liebe Grüße
Gabi

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 30.05.2013, 16:36

Oh, wie gut, dass ihr da seid! Das bringt meinen Text wirklich weiter, finde ich.

Also:

"einmal im mai die mehlweibchen sehn", da ist eine Cäsur drin, ein Sehnen, dass mir jetzt doch ein wenig zu romantisierend ist. "im mai mal ..." da muss man sich schon ein wenig konzentrieren, liebe Flora, um nicht auszurutschen mit der Zunge, ich gebs zu, aber wenn es gelingt, gibt es dem ganzen Anfang einen Drive und hat etwas Beiläufiges, daher möchte ich es so lassen.

eichblüten (wie bei eichhörnchen oder eichkätzchen) ist ein neues Wort, das aber jeder verstehen sollte und rhythmisch passt es tatsächlich viel besser. Ich nehms - vielen Dank!

ein duft aber auch ganz schön scharf

Ja, es ist so gemeint, wie Gerda sagt. Der Duft erinnert ein bisschen an ... nein, ich sags jetzt nicht. Diese Ambivalenz versuche ich auszudrücken - hängt sicher auch vom Lesen ab. "holla" ist kein schlechter Vorschlalg, aber dieser Ausruf ist mir irgendwie fremd, ich lass es lieber (und auch hach habe ich nun gestrichen).

rosa perlentrunk: Die Staubgefäße sind die rosa Perlen, liebe Gerda und mir fiel erstmalig auf, dass die Blüten wie kleine Sektschalen aussehen. Schau mal:

http://www.wald-laeufer.de/fotos.bilder ... ssdorn.jpg

herzklopfen ist wieder drin. frisch beherzt ist doch etwas zu betulich. Die winkenden Händchen waren in meinen Erstfassungen schon vorhanden, aber ich bin selbst nicht ganz überzeugt. Die Blätter haben zwar Fingerchen, aber sie winken eigentlich nicht, weil sie zu klein sind und zu fest am Zweig sitzen.

Der Plural von Veilchensporn hatte mir auch nicht gefallen, ist jetzt raus.

Den Schluss habe ich noch etwas abgeändert. Die Idee mit der w-Alliteration ist nicht schlecht, aber es ist kein weiter Weg, sondern gar kein Weg. Vielmehr ein Stolpern quer durchs Unterholz, mit dem Ziel, den Waldrand schnell zu finden.

Übrigens freue ich mich, dass ihr nicht über die mehlweibchen gestolpert seid! Ich habe in alten Büchern nach einem schöneren, im Kontext passenderen Wort für Weißdorn gesucht und bin auf "meelwiefken" gestoßen. Das hatte ich erst genommen, aber es klang seltsam im hochdeutschen Text.

Letzte Maiengrüße
fenestra


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