japanische hände

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Mucki
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Beitragvon Mucki » 30.01.2013, 20:50

Endfassung:

japanische hände

winke mich zu dir
mit den handflächen nach unten
ich bin ein mensch und kein tier
zeige nicht mit dem finger auf mich
lenke deine ganze hand zu mir hin
zeigst du auf dich selbst
so deute auf deine nase

stecke deine hölzchen niemals senkrecht ins mahl
dies ist opfergaben für tote vorbehalten
gib keine speisen mit stäbchen an mich weiter
sonst überreichst du mir knochenasche meiner verwandten
begehrst du keinen weiteren trunk
lasse dein glas bis zur hälfte gefüllt
schenke dir selbst nicht nach
überlasse diese geste mir
so wie auch du mein glas auffüllen wirst

gib mir kein trinkgeld
mein guter service wird vorausgesetzt
zähle nie das wechselgeld vor mir
ich bin kein betrüger

zeige kein interesse an einem gegenstand von mir
du nötigst mich ihn dir zu schenken
gib mir kleines und nicht großes
so bringst du mich nicht in zugzwang
verpacke es bunt und ohne schleifen
du überbringst mir sonst trauer
reiche mir nichts als quartett
die vier ist für mich die zahl des unglücks
schenke mir weder messer noch schere
sie lösen die bande unserer freundschaft
überreiche mir die gabe mit beiden händen
so kommt sie von herzen




2. Version

japanische hände

möchtest du jemanden zu dir winken
so halte deine handfläche nach unten
mit der fläche nach oben werden tiere gerufen
zeige nicht mit dem finger auf menschen
lenke deine ganze hand zu ihm hin
zeigst du auf dich selbst
so deute auf deine nase

stecke deine hölzchen niemals senkrecht ins mahl
dies ist opfergaben für tote vorbehalten
gib speisen nicht stäbchenweise weiter
sonst überreichst du knochenasche an verwandte
begehrst du keinen weiteren trunk
lasse dein glas bis zur hälfte gefüllt
schenke dir selbst nicht nach
überlasse diese geste deiner begleitung
so wie auch du ihr glas auffüllen wirst
gib kein trinkgeld
guter service wird vorausgesetzt
zähle nie das wechselgeld
du stellst den verkäufer als betrüger dar

zeige kein interesse an einem gegenstand
du nötigst den besitzer ihn dir zu schenken
gib kleines und nicht großes
du bringst den beschenkten in zugzwang
verpacke es bunt und ohne schleifen
du überbringst sonst trauer
reiche nichts als quartett
die vier ist die zahl des unglücks
verschenke weder messer noch schere
sie lösen die bande der freundschaft
überreiche die gabe mit beiden händen
so kommt sie von herzen



Einige grammatische Fehler behoben, dank poeta!




Ursprungsversion:

sprechende hände

wild stürmt es in meinem geist
halte die hände still
zeige einem menschen beachtung
meine hand führt zu ihm hin
richte meine handfläche nach unten
kein tier wird gerufen

richte meine hölzchen quer ins mahl
keine opfergabe für tote
gebe speisen nicht stäbchenweise weiter
überreiche keine knochen aus asche
bin nicht durstig
mein glas bleibt bis zur hälfte gefüllt
schenke mir selbst nicht nach
überlasse die geste meiner begleitung

gebe kein trinkgeld
der service sagt mir zu
zähle nie das wechselgeld
der verkäufer ist kein betrüger

zeige kein interesse an einem gegenstand
keine pflicht es mir zu schenken
gebe kleines und nicht großes
zugzwang wird nicht gefordert
verpacke es bunt und niemals weiß
keine trauer wird überbracht
reiche nichts als quartett
unglück ist verbannt
verschenke weder messer noch schere
die bande der freundschaft bleibt erhalten
überreiche die gabe mit beiden händen
es kommt von herzen

Mucki
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Beitragvon Mucki » 06.02.2013, 16:30

So, ich habe eben Version 3 eingestellt. Die Idee, das "ich" als Gegenüber, als Geber der Anleitungen auftreten zu lassen, hat mich überzeugt, da so der ganze Text sehr viel weicher wird, ein "wir" entsteht.
Ich glaube, so lasse ich es jetzt. :-)

Saludos
Gabriella

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birke
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Beitragvon birke » 06.02.2013, 17:05

ja! :daumen:

liebe grüße
diana
wer lyrik schreibt, ist verrückt (peter rühmkorf)

https://versspruenge.wordpress.com/

Mucki
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Beitragvon Mucki » 06.02.2013, 17:07

*freu* :banane3:

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 06.02.2013, 18:58

Ja, ich finde es jetzt auch richtig rund. Durch das spürbare Gegenüber entsteht sowas wie Nähe, trotz der teilweise geheimnisvollen Anleitungen. Wirklich ein ganz besonderer Text!

Mucki
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Beitragvon Mucki » 06.02.2013, 19:32

Hallo fenestra,

fein, genau diese Nähe empfinde ich auch in den Zeilen.
Großen Dank an dich, du hattest diese Idee des Gegenübers! :blume0028:

Saludos
Gabriella
P.S. Ich schreibe jetzt "Endfassung" dadrüber.

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 06.02.2013, 20:02

Hallo Gabi,

ich finde die Umformung auch sehr gelungen (außer den Zeile mit dem Trinkgeld und gutem Service - die können/sollten.m.E. so nicht bleiben, Endfassung hin oder her).

Grüße
Franz

Mucki
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Beitragvon Mucki » 06.02.2013, 20:05

Hallo Franz,

weil sie aus dem eher persönlichen Kontext herausfallen? Oder warum meinst du, dass sie so nicht bleiben können?

Saludos
Gabriella

poeta

Beitragvon poeta » 07.02.2013, 08:23

hi gabriella,

ich halte die trinkgeld-verse wie franz für noch überdenkenswert. vor meinem inneren auge bauen sich davor zwei protas auf, die einander gegenüber sitzen... das kann natürlich in einem lokal sein, aber LI kann doch nicht gelichzeitig gast und bedienung sein?
hier würde ich auf die 2.fassung zurückgreifen, so könnte es als tipp eines 'japankundigen' an sein weniger versiertes gegenüber gelesen werden:

"gib kein trinkgeld
guter service wird vorausgesetzt
zähle nie das wechselgeld
du unterstellst damit betrug"

wenn du auch noch den verkäufer weglässt, kannst du in der vorangegangenen szene (restaurant) bleiben.

insgesamt sind mir in deiner endfassung dann doch ein bisschen zu viele personal- und possessivpronomen. ich denke, man könnte gut einige davon streichen und die ebene des 'gegenüber'(eine sehr gute idee, wie ich finde) bliebe trotzdem erhalten.

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winke mich zu dir
mit den handflächen nach unten
ich bin ein mensch und kein tier
zeige nicht mit dem finger auf mich
lenke deine ganze hand zu mir hin
zeigst du auf dich selbst
so deute auf deine nase

stecke deine hölzchen niemals senkrecht ins mahl
dies ist opfergaben für tote vorbehalten
gib keine speisen mit stäbchen [an mich] weiter
sonst überreichst du [mir] knochenasche [meiner] von verwandten
begehrst du keinen weiteren trunk
lasse dein glas bis zur hälfte gefüllt
schenke dir selbst nicht nach
überlasse diese geste mir
so wie auch du mein glas auffüllen wirst

gib [mir] kein trinkgeld
[mein] guter service wird vorausgesetzt
zähle nie das wechselgeld [vor mir]
du unterstellst damit betrug

zeige kein interesse an einem gegenstand von mir
du nötigst mich ihn dir zu schenken
gib [mir] kleines und nicht großes
so bringst du [mich] nicht in zugzwang
verpacke es bunt und ohne schleifen
du überbringst [mir] sonst trauer
reiche [mir] nichts als quartett
die vier ist [für mich] die zahl des unglücks
schenke mir weder messer noch schere
sie lösen die bande unserer freundschaft
überreiche [mir] die gabe mit beiden händen
so kommt sie von herzen

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Du muss ja nicht gleich alle 'mir' und 'mich' entsorgen, doch denke ich, auf ein paar der von mir gekennzeichneten könntest du wirklich verzichten. der textfluss wäre ein bisschen geschmeidiger, mein ich. :smile:

liebe grüße, poeta

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Eule
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Beitragvon Eule » 07.02.2013, 08:36

Den Text finde ich so gelungen, nur der Titel geht mir zu schnell runter, wie Hr. Fried vllt. gesagt hätte.
Ein Klang zum Sprachspiel.

Klimperer

Beitragvon Klimperer » 07.02.2013, 11:08

Nach der letzten Antwort von Gabriella, war ich auch der Meinung, sie habe die Endfassung erreicht.

Dann las ich aber den Kommentar von RäuberKneißel, und, anschließend, den von Poeta, der mich sehr überzeugt.

Am Besten gefallen mir die Zeilen: "Begehrst du keinen weiteren Trunk,
lasse dein Glas bis zur Hälfte gefüllt."

Das könnte man, im übertragenen Sinne, auch in anderen Lebenssituationen anwenden.

Und: "Schenke dir selbst nicht nach: Überlasse diese Geste mir."

Sehr schön. Das könnte man, vereinbart oder stillschweigend, selbst mit dem Gegenüber ausprobieren. Das fördert, auf jeden Fall, die Aufmerksamkeit.

"Zeige kein Interesse an einem Gegenstand von mir: Du nötigst mich, ihn dir zu schenken."

Das interpretiere ich als eine Aufforderung, dem Gegenüber in die Augen zu schauen, nicht auf das Äußere zu achten. Und wenn, nur auf das sich langsam oder schnell leerende Glas ...

Die in den letzten zwei Versen ausgedrückte Anweisung kann, so schön sie auch klingen mag, unter Umständen zu umständlich sein.

Mucki
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Beitragvon Mucki » 07.02.2013, 12:45

Hallo poeta, Eule, Carlos und Franz,

hier sitzen ja nicht zwei Menschen direkt gegenüber im Restaurant. Es gibt einen, der hier die "Anleitungen" an jemanden weitergibt. Und diese beziehen sich auf die verschiedenen japanischen Benimmregeln zum Umgang miteinander im allgemeinen, zum Verhalten beim Essen, zum Verhalten bez. Bezahlung/Trinkgeld und Regeln bez. Geschenken, also vier verschiedene Bereiche, daher auch die Absätze. Das LI tritt hier als Gegenüber, als Geber der Anleitungen auf für das LyrDu, das die japanischen Benimmregeln nicht kennt.

Insofern passen die "Du" und "ich" bzw. "mich" und "meine" und zuguterletzt das "unsere" für mich sehr gut.
Ich werde den Text so lassen, da er für mich nun sehr stimmig geworden ist. Die viele Rumfeilerei hat sich hier gelohnt und ich freue mich über das Ergebnis.

Ich hätte hier noch etliche weitere Bereiche ansprechen können, doch das würde dann viel zu lang werden.

Saludos
Gabriella


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