Der alte Mann und die junge Frau

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Estragon

Beitragvon Estragon » 30.01.2013, 19:23

sie sitzen nebeneinander
sie
eine trillerpfeife in den augen
er voller bewunderung
zum mond schauend

planeten kreisen um sein gesicht
er denkt sich
wenn es keine nacht gäbe
keine socken die man nicht mehr anziehen kann

er lenkt die worte als fasse er die richtung des busses zusammen
als trage er
während er schweigt
eine rede vor
eine rede in der er von den augen der jungen erzählt
er sagt
ich verstehe diese augen nicht mehr

er lächelt
sie lächelt auch
sie denkt an den müden traum
sie denkt an das löschpapier
dass sie letztens ausgegraben hatte
als sie es ihrem liebsten zeigen wollte
bemerkte sie voller schrecken
das sind ja wir

die strassen ziehen weiter
als machten sie striche in die landschaft
als sei alles nur da
ohne absicht
ohne gewinn

er schaut sich die junge frau an
er denkt
wie schön es ist
zu sagen
so jung war ich auch mal und wie oft
hatte ich das löschpapier vergraben
immer in der hoffnung
es nicht mehr wiederzufinden

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 31.01.2013, 21:02

Hallo, Estragon,

dieser Text übt eine große Faszination auf mich aus. Da sind viele eigenartige Wendungen drin, die man nicht "logisch" verstehen kann. Umso reizvoller ist es, sich dem zu überlassen und zu schauen, welche Bilder sich vor dem inneren Auge einstellen. Sehr besonders finde ich z.B. die Zeile:

er lenkt die worte als fasse er die richtung des busses zusammen
als trage er


Die letzte Strophe fällt für mich da etwas ab, die Wendungen werden banaler, schon oft gelesen, so etwas wie:

wie schön es ist
zu sagen
so jung war ich auch mal


Das Bild mit dem Löschpapier ist für mich sogar unfreiwillig komisch. Ich denke an den Klappstuhl beim Schuh des Manitou. Gibt es irgend einen Brauch mit so einem Löschpapier, den ich nicht kenne?

Viele Grüße
fenestra

Estragon

Beitragvon Estragon » 01.02.2013, 05:32

Darf man keine Bräuche erfinden?
Das Löschpapier sollte eigentlich ein Indiz für Verlassenwerden darstellen, (wenn verlassen werden unfreiwillig komisch ist, dann lache ich gerne mit, aber wahrscheinlich ist das Problem einfach, dass ich die Szene deutlich vor Augen habe, aber der Leser, also du nicht.
Vielleicht hätte ich schreiben sollen, dass sie im Bus zufällig zusammensassen, aber eigentlich mag ich das nicht, ich mag das deutliche nicht, da kann ich auch rausgehen und auf die Strasse spucken, da hab ich dann meine Deutlichkeit.
Ich finde Poesie hat das Anrecht auf Undeutlichkeit, auch wenn die Deutschlichkeitsfanatiker anderer Meinung sind.

Ich glaube nämlich dass auch das Leben undeutlich ist, zerissen und unfassbar schräg. Eine Linie gibts nur in der sich ständig wiederholendenen Langeweile.

Es ist für mich immer arg schwer auf meine eigenen Gedichte zu reagieren, wenn jemand sie nicht mag reagiere ich pampig, das sollte ich lieber lassen.
Das hier mag ich und mag auch Deinen Kommentar.

pjesma

Beitragvon pjesma » 01.02.2013, 08:34

da musste ich aber auflachen : "Deutschlichkeitsfanatiker", ist es freudsche oder karlsche höchstpersönlich? ;-)))) lg dir

Estragon

Beitragvon Estragon » 01.02.2013, 19:27

Immer Karl, Friedrich, immer Karl

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Beitragvon Lisa » 01.02.2013, 20:05

Lieber Estragon,

ich mag den Text auf gleiche Weise wie Fenestra (sogar mehr, auch das Löschpapier), auch wenn ich kaum etwa sausdeuten wollte, so haben die Bilder eben in mir doch gegriffen und ich "wusste" beim Lesen. Das ist dann eben die gute Magie, ohne die so viel nicht gesagt werden könnte.

Ich mag aber nicht nur deinen Text, sondern auch diese Amtwort von dir:

Darf man keine Bräuche erfinden?
Das Löschpapier sollte eigentlich ein Indiz für Verlassenwerden darstellen, (wenn verlassen werden unfreiwillig komisch ist, dann lache ich gerne mit, aber wahrscheinlich ist das Problem einfach, dass ich die Szene deutlich vor Augen habe, aber der Leser, also du nicht.
Vielleicht hätte ich schreiben sollen, dass sie im Bus zufällig zusammensassen, aber eigentlich mag ich das nicht, ich mag das deutliche nicht, da kann ich auch rausgehen und auf die Strasse spucken, da hab ich dann meine Deutlichkeit.
Ich finde Poesie hat das Anrecht auf Undeutlichkeit, auch wenn die Deutschlichkeitsfanatiker anderer Meinung sind.

Ich glaube nämlich dass auch das Leben undeutlich ist, zerissen und unfassbar schräg. Eine Linie gibts nur in der sich ständig wiederholendenen Langeweile.

Es ist für mich immer arg schwer auf meine eigenen Gedichte zu reagieren, wenn jemand sie nicht mag reagiere ich pampig, das sollte ich lieber lassen.
Das hier mag ich und mag auch Deinen Kommentar.


:-)

liebe Grüße
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 02.02.2013, 15:15

Hallo, Estragon,

ich habe deine Antwort auf meinen Kommentar ehrlich gesagt nicht verstanden - und Kommentare sollten, im Gegensatz zur Lyrik, schon deutlich sein, finde ich. Ich habe mich nicht über mangelnde Deutlichkeit in deinem Text beklagt, sondern diese im Gegenteil als das Reizvolle herauszustellen versucht.

Darf man keine Bräuche erfinden?


Darf man nicht nachfragen, ob es so einen Brauch vielleicht wirklich gibt?

Viele Grüße
fenestra

Estragon

Beitragvon Estragon » 02.02.2013, 21:02

Ja aber ich weiß nicht, es ist doch ein Löschpapier, ein Löschpapier hat seine Aufgabe und wenn es die ist, den zu vergessen oder die oder wie auch immer, den mal geliebt hat...

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 02.02.2013, 23:48

Von dieser Seite her habe ich Löschpapier noch nie betrachtet. Ich dachte beim ersten Ausgraben in deinem Gedicht, dass aus einem Foto, das ausgeblichen ist, vielleicht sowas wie Löschpapier geworden ist.

Werds mal ausprobieren - das mit dem Vergessen, meine ich. ;)


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