es treibt mich auszuschütten

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Mucki
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Beitragvon Mucki » 20.11.2012, 17:46


Endfassung:

es treibt mich auszuschütten

dieses lebensgesicht
gut genug vor augen
diesen holprigen weg
mit seinen kantigen worten
dieses steinige gefüge
wie sie sich gehörig darin fühlen
diese unerklärliche weltangst
wie sie sich in mich rüttelt

doch was bin ich denn
ohne sie - ohne diese bergende
umdunkelnde hand
die ich in meine nehme
friedlich ist sie nicht
dennoch mir besänftigende
lebensschale
aus der ich schöpfe
das verlorene auszuschütten



Alternativversion:

es treibt mich auszuschütten
was bin ich denn
ohne diese bergende
umdunkelnde hand
friedlich ist sie nicht
doch mir besänftigende
lebensschale
aus der ich schöpfe
das verlorene auszuschütten



Originalversion:

es treibt mich auszuschütten
mein erleben
mag der weg auch holprig
die worte steinig werden
wie das gefüge
in welches sie sich gehörig fühlen
wie die weltangst
sich plötzlich in mich rüttelt
unerklärlich
quälend mir den schlaf raubt
stürme in der nacht

was bin ich denn
ohne diese bergende
umdunkelnde hand
friedlich ist sie nicht
doch mir besänftigende
lebensschale
aus der ich schöpfe
das verlorene auszuschütten
mein bewusstsein
zum erwachen zu lenken

in dieses lebensgesicht
gut genug vor augen
mag ich meinen koffer
füllen mit leichtem gepäck

Mucki
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Beitragvon Mucki » 22.11.2012, 15:18

Ich habe oben eine neue Fassung eingestellt, etwas reduziert und umgestellt. Und: den Titel abgesetzt, damit sich die erste Zeile nicht unmittelbar zum Titel zieht.

jondoy
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Beitragvon jondoy » 27.11.2012, 00:25

Hi Gabriella :smile: ,

hab ne woche verstreichen lassen und die versionen mir jetzt nochmals durchgelesen.

....stelle fest, und da kann ich über mich selbst lachen :smile: , auch nach dem 3. & 4. lesen der ersten & neuen Fassung und trotz mancher fingerzeige aus den begleit-statements ist mir auch jetzt noch schleierhaft, welche hand hier gemeint sein könnte....

...es fällt mir ja ohnehin schwer, diese Weltangst überhaupt nachvollziehen zu können, in der Originalfassung hab ich in den Zeilen natürlich etwas darüber gelesen, doch diesen Aspekt beiseite geschoben, ihm bewusst kein so dominierendes Gewicht beigemessen...

...vom Rhytmus her (...lassen wir den Inhalt des Textes für einen Moment mal verblassen) gefällt mir der erste Teil der Originalversion in Verbindung mit dem Titel (!) weiterhin einfach am besten...auch wenn in der neuen Version die zwei letzten Zeilen es vielleicht noch glasklarer zum Ausdruck bringen.....diese unerklärliche Weltangst, wie sie......in mir rüttelt.

zumindest dieses `unerklärlich` kann ich nachvollziehen, könnte ich geradezu unterstreichen, lach :smile: ,

mit den begriffen `lebensschale` und `lebensgesicht` kann ich selbst nichts anfangen, vielleicht sind das `Frauenbegriffe`, auf mich verströmen sie mehr so einen Hauch esoterisch klingende Pathetiepoesie...

...und immer noch frage ich mich, welche hand das lyrische Ich da in die ihre nimmt, im Moment würde ich diese andere hand ja als Methapher ansehen für den Schlaf, der einem die Sinne...umdunkelt, indem er dir einem die Augen zufallen lässt, vielleicht einen oft auch nicht friedlich schlafen lässt...

..wenn das tatsächlich zutreffen würde, selbst dann, würde mich die folgende version zumindest eher als ihre drei Schwestern da oben ansprechen....

es treibt mich auszuschütten
mein erleben
mag der weg auch holprig
die worte steinig werden
wie das gefüge
in welches sie sich gehörig fühlen
wie die weltangst
plötzlich in mir rüttelt
unerklärlich
quälend mir den schlaf raubt
stürme in der nacht

was bin ich denn
ohne diese bergende
umdunkelnde hand
die ich in meine nehme
friedlich ist sie nicht
doch sie besänftigt mich

gut genug vor augen
mag ich meinen koffer
füllen mit leichtem gepäck
und erwachen


Namaste,
Stefan

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Elsa
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Beitragvon Elsa » 27.11.2012, 14:27

Liebe Mucki,

ich finde die neue Version super!

Liebe Grüße
Elsie
Schreiben ist atmen

Mucki
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Beitragvon Mucki » 27.11.2012, 17:36

Hallo Stefan,

jondoy hat geschrieben:stelle fest, und da kann ich über mich selbst lachen :smile: , auch nach dem 3. & 4. lesen der ersten & neuen Fassung und trotz mancher fingerzeige aus den begleit-statements ist mir auch jetzt noch schleierhaft, welche hand hier gemeint sein könnte....

...es fällt mir ja ohnehin schwer, diese Weltangst überhaupt nachvollziehen zu können, in der Originalfassung hab ich in den Zeilen natürlich etwas darüber gelesen, doch diesen Aspekt beiseite geschoben, ihm bewusst kein so dominierendes Gewicht beigemessen...

Ich hab schon viel zu viel erklärt. Noch weitergreifen möchte ich nicht. Dem Aspekt der Weltangst ist jedenfalls in diesem Text eine durchaus sehr dominante (Schlüssel)-Rolle zuzuordnen.
jondoy hat geschrieben:mit den begriffen `lebensschale` und `lebensgesicht` kann ich selbst nichts anfangen, vielleicht sind das `Frauenbegriffe`, auf mich verströmen sie mehr so einen Hauch esoterisch klingende Pathetiepoesie...

Als 'Frauenbegriffe' oder esoterisch angehauchte Worte sehe ich sie keineswegs.
Summa summarum muss ich dich leider ratlos zurücklassen, da ich den Text nicht Zeile für Zeile erklären möchte.
Danke dir für's Dranbleiben!

Das freut mich, Elsie!
Mir gefällt die neue Version auch am besten und ich werde sie auch so lassen.

Saludos
Mucki

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Beitragvon Ylvi » 27.11.2012, 19:45

Hallo Gabriella,

Mir gefällt die neue Version auch am besten und ich werde sie auch so lassen.
Trotzdem noch ein kleiner Restsenf von mir. ;-) Ich hätte hier ohne deine Erklärungen vermutlich wie Stefan noch immer Schwierigkeiten den Bogen von der Angst zur Hand zu sehen. Vielleicht würde es in der Hinsicht schon helfen, wenn du die Leerzeile herausnimmst, und noch ein kleines "sie" einfügst?

diese unerklärliche weltangst
wie sie sich in mich rüttelt
doch was bin ich denn
ohne sie - ohne diese bergende
umdunkelnde hand


Wenn dir wichtig ist, dass Titel und erste Zeile nicht zusammengezogen werden, was ich wohl auch hier wieder so lesen würde, könntest du ev. die ersten beiden Zeilen vertauschen.
dieser holprige weg
Müsste es da nicht heißen: diesen holprigen weg?

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Mucki
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Beitragvon Mucki » 27.11.2012, 20:16

Hallo Flora,
Flora hat geschrieben:Vielleicht würde es in der Hinsicht schon helfen, wenn du die Leerzeile herausnimmst, und noch ein kleines "sie" einfügst?

Das "sie" kann ich einfügen, ja. Aber die Leerzeile möchte ich nicht rausnehmen, weil dann alles zusammenhängt. Ich mag da schon gern eine 'Verschnaufspause' drin haben.
Die ersten beiden Zeilen kann ich nicht tauschen, weil dann zweimal "diese" hintereinander steht.

Hast Recht, es muss heißen: diesen holprigen weg
Danke dir.

Saludos
Gabriella

jondoy
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Beitragvon jondoy » 27.11.2012, 23:21

Hi Gabriella,

du schreibst:
Gabriella hat geschrieben:Ich hab schon viel zu viel erklärt.


Find ich auch, würde es auch nicht tun. Ganz bewusst hab ich auch nicht nachgefragt.

Wenn die neue Version deine ist, ist sie genau richtig !

Ich für mich interpretier mir einen Text häufig so zurecht, dass ich wenigstens etwas an ihm interessant finde.
Den Schlüssel, was er mir sagen will, nimmt meine Phantasie selbst in die Hand.

Liebe Grüße,
Stefan

Mucki
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Beitragvon Mucki » 28.11.2012, 17:44

Hallo Stefan,
jondoy hat geschrieben:Den Schlüssel, was er mir sagen will, nimmt meine Phantasie selbst in die Hand.

Ist doch gut so. Mich erreichen Texte oft auch auf diese Weise. Und vor allem durch die Stimmung, die sie in mir erzeugen.

Saludos
Gabriella

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 28.11.2012, 19:10

Liebe Gabi,

das ist keine leichte Kost und ich finde, du hast es ganz wunderbar bearbeitet und auf den Punkt gebracht. Damit meine ich auf jeden Fall die Endversion, nicht die kürzere, aber doch zu allgemein gaheltene Alternativversion. Denn die Weltangst, die sich in das lyr. Ich rüttelt, ist ein viel zu starkes Bild, um darauf zu verzichten.

Viele Grüße
fenestra

Mucki
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Beitragvon Mucki » 28.11.2012, 19:13

Danke dir, fenestra! Das freut mich.

Leichte Kost findest du bei mir selten. ,-)

carl
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Beitragvon carl » 18.01.2013, 16:50

Liebe Gabriella,

nur ganz kurz ;-):
Ohne das Schlüsselwort "Weltangst" ist der Text kaum verständlich!
Das ist so, wie wenn ich sagte:
"Es fiel immer um! Erst, als er gewaltsam die überkommene Vorstellung brach, blieben es stehen."
Dann kann man über den Text eine poetologische Vorlesung halten. Aber sinnvoll wird er erst durch ein Schlüsselwort:
Ei des Columbus.

So ist es mit deinem Text: die Weltangst ist Anlass für die erste und die zweite Strophe, ist sowohl die Gefährdung als auch ihre Beschwörung und damit die Befreiung von ihr.
Mit diesem Schlüsselwort im Bewusstsein ist es ein ganz tolles Gedicht!
Ohne es verstehe ich nur Bahnhof.

Natürlich kommt Weltangst vor, aber m.E. an ungünstiger Stelle, sodass ich es ohne all die Kommentare nicht "gefunden" hätte. Dabei ließe sich das ohne Aufwand ändern:

es treibt mich auszuschütten

diese unerklärliche weltangst
wie sie sich in mich rüttelt
dieses lebensgesicht
gut genug vor augen
diesen holprigen weg
mit seinen kantigen worten
dieses steinige gefüge
wie sie sich gehörig darin fühlen

doch was bin ich denn
ohne sie - ohne diese bergende
umdunkelnde hand
die ich in meine nehme
friedlich ist sie nicht
dennoch mir besänftigende
lebensschale
aus der ich schöpfe
das verlorene auszuschütten


Den Plural im letzten Vers der 1. Strophe beziehe ich auf "worten" in der drittletzten.
Falls das von dir so gemeint ist, dann entsteht jetzt durch das Enjambement auch eine Beziehung der Worte zu der 2. Strophe
doch was bin ich denn/ ohne sie -
ohne die Worte und ohne diese dunkele Hand, die sie hervorbringt!

LG, Carl

Mucki
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Beitragvon Mucki » 18.01.2013, 17:07

Hallo Carl,

ja, die "Weltangst" muss unbedingt benannt werden.
Den Ort, an den ich die Weltangst platziert habe, finde ich jedoch richtig. Zum einen möchte ich zu ihr hinführen und nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und zum anderen bezieht sich das "ohne sie" in der zweiten Strophe nicht auf die Worte, sondern auf die Weltangst. Sie ist die "bergende umdunkelnde hand".
Du hast es ja genau richtig gelesen:
carl hat geschrieben:So ist es mit deinem Text: die Weltangst ist Anlass für die erste und die zweite Strophe, ist sowohl die Gefährdung als auch ihre Beschwörung und damit die Befreiung von ihr.

Danke dir für deinen Kommentar!

Saludos
Gabriella

carl
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Beitragvon carl » 18.01.2013, 18:20

Auf was bezieht sich dann der Plural in
"wie sie sich gehörig darin fühlen"?

(Ich hatte übrigens von einer Doppelbeziehung gesprochen: Worte und(!!) Weltangst. Aber das erübrigt sich jetzt.)

LG, Carl

Mucki
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Beitragvon Mucki » 18.01.2013, 18:39

Hallo Carl,
carl hat geschrieben:Auf was bezieht sich dann der Plural in
"wie sie sich gehörig darin fühlen"?

es sind die "kantigen worte", die sich gehörig im "steinigen gefüge" fühlen. Und das "steinige gefüge" ist eben diese "unerklärliche weltangst" So hoffte ich, eines auf das andere aufzubauen.

Saludos
Gabriella


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