lotterie

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Niko

Beitragvon Niko » 08.07.2012, 11:17



lotterie


noch findet leben
in nebensätzen statt
fluchtpunkte sind verschollen
die attribute ein novemberregen

auch gewissheit ist erpressbar
weiß ich
so spiele ich lotto
bekreuze zeitbezüge
und schneide das gewachsene
haar kurz

nur bei glockengeläut
dem herold von abschied und wiederkehr
bei erwartung von liebe
fällt ein gefühl in worte ein
und mehrt sich



.

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Eule
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Beitragvon Eule » 10.09.2012, 10:03

Hallo Niko, ein interessantes Gedicht, das mir einige Allusionen zu enthalten scheint. Es wirkt fast wie ein "schnipselwerk" aus dem Bereich des alten Monatsthemas "Cento" auf mich, bei dem Du vielleicht den "Marker" vergessen hattest.


Mein gestriges Gedankenprotokoll dazu nachgereicht (1-mal heute editiert):


noch - welches mir bekannt scheinende Gedicht fängt mit demselben Wort an ?
--- Antwort (an mich): keines, wenn ich es als Satzbestandteil verstehe.

Zeile 1+2 zusammen erinnert mich an I.Bachmann.

fluchtpunkte - habe ich das ungewöhnliche Wort schon einmal in literarischen Texten bewußt gelesen ?

Attribute/Novemberregen - eine für mich reizvolle Synästhesie


Strophe 2 scheint andere Schreibperspektiven zu enthalten:

Zuerst eine Umschreibung der Moraldirektive: Erst das Fressen, dann die Moral auf die in Z 2 (der S 2) dialogisch geantwortet wird. Dann begründet Figur 1 aus Strophe 2 ihre Äußerung in Z 1 als eine daraus folgende Handlung.

"bekreuzte zeitbezüge" erscheint mir originell formuliert, mit ironischem Beiklang.


Bei Strophe 3 denke ich sofort an die Situation bei einem Weihnachtsfest, die Strophe gefällt mir auf Anhieb, obwohl ich mich frage, warum dies eine notwendige Vorraussetzung für Gefühle sein sollte: vielleicht weil das Erinnern daran so stark sein könnte ?

Gesamteindruck: Also könnte der Titel eine Metapher für die Lebenszeit eines älteren Menschen sein. Das Bewußtsein des hier vielleicht einen inneren Dialog führenden lI´s scheint sich dabei aber möglicherweise auf einen Abschied vorzubereiten. Das Gedicht bewerte ich damit als gelungen.
Zuletzt geändert von Eule am 11.09.2012, 07:54, insgesamt 1-mal geändert.
Ein Klang zum Sprachspiel.

DavidK88

Beitragvon DavidK88 » 10.09.2012, 23:43

Hallo,

das nenne ich ein feines Gedicht.
Schon der Anfang gefällt mir in seiner Motivik, diese schöne Vermischung von Sprachbegriffen und aus der "Wirklichkeit" Gegriffenem. Das hat einen sehr eigenen Sound. Wenn ich ihn als "bürokratisch" beschreibe, deutet das schon an, wie ich es empfinde, aber es klingt so negativ. Es hat so eine trockene Präzision, da werden die Bilder wie Randnotizen so verwendet, das man gar nicht mehr das Gefühl hat, es wird ästhetisiert, sondern als hätte es diese Worte beim L.I. immer schon als festgelegte Ausdrücke für ebendiese Befindlichkeiten gegeben. "Leben in nebensätzen" ist ein schöner Wink, weil "leben" durch den Reim ja zumindest größtenteils in "neben-" enthalten ist.
Das Notizhafte / "Bürokratische" schwingt weiter in dem Ankreuzen der Zahlen, das in meiner Lesart auch noch schön das Leben als ein System von Zufällen beschreibt. Zeit als Veränderung macht sich hier nur in dem gewachsenen Haar bemerkbar, das ebenso notizhaft hingenommen zurechtgeschnitten wird, vielleicht, um Gleichgültigkeit zu demonstrieren oder auch zwecks (Wieder-)Eingliederung in gewisse soziale Rollen mit ihren Zeichensystemen; denn das Wachsen hat hier so eine leichte Konnotation von sich-gehen-lassen, könnte aber auch wieder als so etwas Rebellisches aufgefasst werden, was ja im krassen Gegensatz zum L.I. steht, wie es hier charakterisiert ist.
Das "glockengeläut" bricht als Fremdelement in die bisherige Atmosphäre ein und das ist gut gesetzt. Das einzige, was ich hier hinterfragen würde, wäre der "herold", einfach weil er altbacken klingt und sich in meinen Ohren nicht in den Sound einfügt und mir das nicht beabsichtigt scheint.
Der Schluss schließt fein den Kreis, zeigt Risse in der Lebensstruktur, die das L.I. sich aufgebaut hat. Hier stört es denn auch nicht, dass "gefühl" abstrakt bleibt, denn das L.I. kann das Gefühl nunmal nicht benennen. Hier versagen ihm, das sonst für alles Begriffe hat, die Worte.
Auch formal nichts zu meckern. Keine unnötigen Spielereien, die nicht passen würden, alles steht präzise an seinem Platz, in seiner Zeile und in der Gedichtform hat es noch eine besondere Wirkung, weil dieses Zeilenstil-mäßige Aufeinanderschichten für mich tatsächlich etwas von dem Stapeln von Blättern hat, also gut in dieses "Bürokratische" passt.

Finde ich richtig gut.

LG David

Gerda

Beitragvon Gerda » 11.09.2012, 07:16

Lieber Niko,

was ich interessant finde, ist die unterschiedliche Lesbarkeit des ersten Satzes. Er erhält je nach Betonung eine konträre Bedeutungsverschiebung. Gemeint ist, so denke ich, die Betonung auf das Wort "(immer)noch" zu legen und nicht auf „noch (aber zukünftig)“ Jedenfalls ergibt sich diese Konnotation aus dem weiteren Verlauf des Gedichts für mich. Vers für Vers handelt er vom Nicht –gelingen-wollen dieses Lebens, relativiert und erhält in der letzten Strophe dann doch noch einen versöhnlichen, ja fast optimistischen Ton.

Liebe Grüße
Gerda

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Elsa
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Beitragvon Elsa » 11.09.2012, 11:16

Lieber Niko,

kurzum: Ich find das einfach großartig.

Liebe keine Begründungsgrüße
Elsa
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noel
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Beitragvon noel » 11.09.2012, 12:03

das lakonische des poems gefällt mir sehr
ich komme nur immer in der mittleren strophe nicht am...
aber das mag an mir liegen...
das lottobild ist mir...
1 + 3 strophe chapeau
NOEL = Eine Dosis knapp unterhalb der Toxizität, ohne erkennbare Nebenwirkung (NOEL - no observable effect level).

Wir sind alle Meister/innen der Selektion und der konstruktiven Hoffnung, die man allgemein die WAHRHEIT nennt ©noel

Niko

Beitragvon Niko » 11.09.2012, 15:50

erstmal danke, eule, dass du den text nach zwei monaten nochmal rausgekramt hast!

nach dem "netten text" nun also ein "feines gedicht" david ;-)

ich danke euch für eure kommentare, die ja durchweg positiv geartet sind. mit dem "herold" hast du einerseits ganz recht, david. andererseits finde ich gerade den herold gut, weil er mehr gewicht gibt. ein "bote" wäre nicht so bedeutungsschwanger. ein verkünder wäre auch ein unpassendes wort. ich finde, der herold ist da ganz richtig angesiedelt...

ich weiß auch nicht, noel, warum dich strofe 2 nicht packt.....

ganz, ganz herzlichen dank euch allen für die kommentare! positive verstärkung tut mir im lyrischen bereich grade sehr gut, wenn ich das mal so sagen darf...

liebe grüße: niko


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