Jakob

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Estragon

Beitragvon Estragon » 02.08.2012, 19:50

Jakob
jakob ging verloren
niemand sah es
niemand konnte ihn sehen
man hatte ihm den atem geraubt
jakob saß neben mir
ich gab ihn etwas ab von meinem brot
seine augen zeichneten löcher hinein

ich fragte ihn
woher kommst du
er sagte
du blinder junge aus den sozialen randgebieten
ich bin doch gar nicht da

er sah wie gezeichnet aus
ich fragte ihn nach seinen eltern
er sagte
eltern
du bist wirklich von gestern
eltern
eltern gibt es nicht

ich lachte
das was er sagte passte so gut zu mir
ich rief ihm zu
du spinnst ja
mein vater säuft und meine mutter hofft dass es besser wird

er schnitt meine augen aus seinen kopf
er sagte
meine eltern wurde gekennzeichnet
kein name mehr
nur noch eine zahl
dass der wind vor ihr stehen bleiben kann

mich gibt es nicht
ich existiere nur weil du es gerne möchtest
ein verlust den man nicht kennen kann
kann man nicht zeichnen
deshalb wollen sie es auch gerne vergessen
es macht streifen im gesicht und
sie wollen ihr gesicht
sauber
gelenkig
sie wollen dass man ihr gesicht erkennt
zahlen verändern die zeit nicht
mit zahlen kannst du niemanden rufen

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 03.08.2012, 09:25

Hallo Estragon,

wie schön, wieder etwas von dir hier lesen zu können! Ein Gedicht, das mich im Grunde gleich mit der ersten Zeile einfängt und dann auch halten kann. Kurz bin ich zusammengezuckt, bei der Kennzeichnung der Eltern. Aber für mich schafft es das Gedicht, auch durch seinen Erzählton, diese Last aufzufangen und bei sich und seiner Geschichte zu bleiben. Ineinandergreifende Bilder, wie Gesichter, die sich durchziehen, die man aber nie ganz auflösen kann, als würde man tatsächlich den Blick auf etwas erhaschen, das sonst eben nicht sichtbar ist. Kritisch, aber auf eine Weise, die nicht moralinsauer, belehrend oder aufdringlich daherkommt, sondern zeigend und mitnehmend.

Besonders finde ich auch diese Zeilen:

kein name mehr
nur noch eine zahl
dass der wind vor ihr stehen bleiben kann

ein verlust den man nicht kennen kann
(da müsste es "einen" heißen?)
kann man nicht zeichnen

mit zahlen kannst du niemanden rufen


Noch zwei kleine Minifehler, vermute ich.
ich gab ihn (ihm) etwas ab von meinem brot
er schnitt meine augen aus seinen (seinem) kopf

Sehr gern gelesen!

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

ecb

Beitragvon ecb » 03.08.2012, 11:08

Mir gefällt der Text auch sehr. Die doppelte Bedeutung von "gezeichnet", die in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit (zur Nummer gemacht werden) jeden Versuch einer Identifikation unmöglich macht, jeden Versuch, eine Relation herzustellen, zu einer Relativierung des Geschehenen - das ist für mich der wesentliche Gehalt des Gedichts.
Und ein wirkliches Gedicht ist es durch seine durchdringende Bildhaftigkeit.

Sehr beeindruckend finde ich das.
Liebe Grüße
Eva

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 04.08.2012, 22:19

Hallo, Estragon,

auch mich hat der Text gepackt. Da wird gegen political Correctheit aufbegehrt, auf eine verstörende Weise. Für mich klingt auch die Unfähigkeit derer an, die ein "normales" Leben führen, die anderen zu verstehen, die Ausgestoßenen, Abgeschobenen, Unerwünschten, die "es gar nicht gibt". Vielleicht ist es sogar ein Selbstgespräch eines solchen Ausgestoßenen (weil eben sonst niemand mit ihm redet, niemand ihn sieht). Natürlich rätsele ich, was du genau vor Augen hattest, als du diesen Text verfasst hast. Aber auch, wenn du das nicht aufdeckst, bleibt es ein starker Text.

Viele Grüße
fenestra

P.S.: Mit Zahlen kann man schon jemanden rufen, das wurde zynischerweise in Gefangenenlagern und KZs so gehandhabt.

Estragon

Beitragvon Estragon » 07.08.2012, 20:12

Ich habe lange nicht mehr so viel Kommentare auf einen Text von mir bekommen, vielen Dank.
Ich dachte bei Jakob tatsächlich an einen fiktiven Schulkollegen von mir, ich wollte daraus eine Geschichte machen, oder mehrere Gedichte, aber ich weiß nicht nicht recht.
Es ist schwer sich dem zu nähern, ich meine dem Genozid an den jüdischen Menschen, mir ist aufgefallen das ein
aspekt gar nicht wahrgenommen wurde, weil es wahrscheinlich gar nicht möglich ist, das einem etwas weggenommen wurde, die Möglichkeit in einen Anderen Menschen zu schauen, wurde einem von diesen Faschisten genommen

Gerda

Beitragvon Gerda » 08.08.2012, 07:15

Guten Morgen H-J.,

ich schreib ja schon auf fb, berührend ohne sentimantal zu sein.
Ein starker gelungener Text, mit dem du es schaffst, etwas Entscheidendes aufzuzeigen ohne den erhobenen Zeigefinger oder eine Anklage zu erheben. Du rückst etwas zurecht.

Estragon hat geschrieben:Ich habe lange nicht mehr so viel Kommentare auf einen Text von mir bekommen, vielen Dank.
Ich dachte bei Jakob tatsächlich an einen fiktiven Schulkollegen von mir, ich wollte daraus eine Geschichte machen, oder mehrere Gedichte, aber ich weiß nicht nicht recht.
Es ist schwer sich dem zu nähern, ich meine dem Genozid an den jüdischen Menschen, mir ist aufgefallen das ein
aspekt gar nicht wahrgenommen wurde, weil es wahrscheinlich gar nicht möglich ist, das einem etwas weggenommen wurde, die Möglichkeit in einen Anderen Menschen zu schauen, wurde einem von diesen Faschisten genommen


Den letzten Satz verstehe ich nicht, magst du ihn erläutern? Ich habe hin- und her überlegt ...
Vielleicht konnte ich mich der Bedeutung wenigstens annähern.
Meinst du vielleicht, dass es die Tabuzone ist, sich auch noch in die gedanken der Deportierten hineinzuversetzen, weil man dieses Leid ohnehin nicht nachempfinden kann?
Jeder Gedanke eines Nichtbetroffenen zwangsläufig zu Kitsch verkommt?
Ich denke gerade darüber nach, ob nicht hauptsächlich "Selbstschutz" eine Rolle dabei spielt, gespielt hat.

Liebe Grüße
Gerda

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 08.08.2012, 09:21

Estragon hat geschrieben:Ich habe lange nicht mehr so viel Kommentare auf einen Text von mir bekommen, vielen Dank.
Könnte daran liegen, dass du hier schon lange nichts mehr gepostet hattest. ;-)
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)


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