luft schnappen

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
ecb

Beitragvon ecb » 06.07.2012, 18:10

wir sind aus
selben, wir
sind aus selben

arne johnsson




luft schnappen


dinge
nehmen überhand
wie man sie ließ – weck mich
in den schlaf
wo einer einen andern sieht
in der eiben vertieftem dunkel
denn ich schlief
im flug auf der jagd
nach atembaren

Niko

Beitragvon Niko » 06.07.2012, 23:06

weck mich in den schlaf..........denn ich schlief..........

liebe ecb,

der erste teil bis genau einschließlich "wo einer einen anderen sieht" (fehlt ein "e" bei "andern"?) gefällt mir ausnehmend gut. dann aber wird es für mich undurchsichtig.

was ich wohl nie verstehen werde, sind vorausgeschickte zitate irgendwelcher namhaften menschen. es wirkt auf mich so, als solle dies den text von vorneherein schonmal aufwerten. - das ist jetzt nur mein empfinden. aber das macht mich dann gleich etwas störrisch beim weiterlesen.

liebe grüße: niko

ecb

Beitragvon ecb » 07.07.2012, 06:44

Es kommt natürlich drauf an, aber mir gefallen sie oft, wenn ich sie Gedichten zugesellt sehe, diese Zitate.
Für mich sind sie wie ein kleiner Gruß an ein anderes, vielleicht verwandtes Denken, Schreiben, Werk - da gibt es viele Möglichkeiten.

Danke dir, Niko!

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 07.07.2012, 09:41

Um ein wenige offtopic, mit dem, was nicht direkt das gedicht betrifft, zu beginnen: für mich sind vorgestellte zitate häufig unerlässlich, weil sie stichwortgeber waren, inspiration, ohne die das gedicht nicht entstanden wäre, und ich es deswegen geradezu unlauter empfinden würde, sie weg zu lassen. trotzdem kann ich deinen eindruck verstehen niko, beim lesen "fremder" gedichte erschliesst sich der zusammenhang nicht immer. womit ich dann beim gedicht, um das es gehen sollte, bin. hier mag ich das vorgestellte zitat, das ich variiert im gedicht wieder finde. nicht einmal, weil ich das verstehe, was dort geschrieben steht, weil ich es in worte und kluge sätze übersetzen könnte, eher macht das zitat ein gefühl auf, dem das gedicht gerecht wird. ein gedicht, das luft schnappen heißt. luft schnappen, das kann ganz alltäglich sein, komm gehen wir vor die tür, ein wenig luft schnappen, aber hier klingt es anders, hier erinnert es mich an atemnot, an auftauchen müssen, um luft zu holen, weil man sonst erstickt und diese assoziation habe ich aufgrund des vorangestellten zitates. und das gedicht löst das ein und auf, es geht um die jagd nach "atembaren" ein wunderschöne wortschöpfung, wie ich finde.

Xanthi

Niko

Beitragvon Niko » 07.07.2012, 10:53

dann mach ich mal offtopisch weiter, wenn´s recht ist:

deine einwände (einwende?) kann ich gut nachempfinden, xanthi. du schreibst:
zitate häufig unerlässlich, weil sie stichwortgeber waren, inspiration, ohne die das gedicht nicht entstanden wäre, und ich es deswegen geradezu unlauter empfinden würde, sie weg zu lassen.
das sehe ich anders. wenn ich immer das, was mich gerade zu einem bestimmten text inspiriert hat, vornewech stellen würde, hätte ich ne menge zu tun. zitate, die vorangestellt sind an ein gedicht, haben meinem empfinden nach eine manipulative wirkung. sie sind ungewollt schon teil des gedichts. auch wenn sie es nicht sein sollen. aber sie bereiten vor, schaffen einen eintritt und verwässern - im positiven wie im negativen - den eigentlichen text um den es geht.
du schreibst weiter:
.........
nicht einmal, weil ich das verstehe, was dort geschrieben steht, weil ich es in worte und kluge sätze übersetzen könnte, eher macht das zitat ein gefühl auf,
- im grunde unterstreichst du damit das, was ich gerade schrieb. nur bewertest du es positiv(er).
weiterhin schreibst du:
komm gehen wir vor die tür, ein wenig luft schnappen, aber hier klingt es anders, hier erinnert es mich an atemnot, an auftauchen müssen, um luft zu holen, weil man sonst erstickt und diese assoziation habe ich aufgrund des vorangestellten zitates.
hättest du diese assoziation ohne das vorangestellte zitat nicht? ich glaube - die chance hatte ich ja leider genau so wenig wie du - es hätte sich genauso, wenn nicht gar unbefangener, diese assoziation ergeben ohne vorspann-zitat.
und ja: atembar ist eine sehr gelungene wortschöpfung!

liebe grüße: niko

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 07.07.2012, 11:57

spannende diskussion, niko, schön, dass du dich darauf einlässt, und geantwortet hast.
ich bewerte es im falle dieses gedichtes positiv, weil das zitat für mein leseverständnis, oder empfinden, nicht im luftleeren raum steht, sondern eindeutig eine funktion verfolgt, es macht einen bedeutungsrahmen auf, es bereitet eine stimmung vor, die das gedicht dann sozusagen ausfüllt, daher stellt sich die letzte deiner fragen für mich nicht. versuchte ich aber, sie mir nachträglich zu stellen, mir das zitat wegzudenken, dann würde ich vermutlich sagen, ich wäre "unbelasteter" an dieses gedicht herangegangen, hätte das luftschnappen, das im titel steht, wertfrei gelesen und wäre womöglich überrascht gewesen, welche bedeutung es hier hat. um diese irritation hat mich das zitat dann tatsächlich gebracht, was ich ihm aber nicht negativ anlasten würde.
xanthi

Niko

Beitragvon Niko » 07.07.2012, 12:17

versuchte ich aber, sie mir nachträglich zu stellen, mir das zitat wegzudenken, dann würde ich vermutlich sagen, ich wäre "unbelasteter" an dieses gedicht herangegangen, hätte das luftschnappen, das im titel steht, wertfrei gelesen und wäre womöglich überrascht gewesen, welche bedeutung es hier hat. um diese irritation hat mich das zitat dann tatsächlich gebracht,


man könnte es auch so sehen:

ein vorgestelltes zitat kaut auch vor. wäre es NICHT da, würde man "luft schnappen" für sich erschließen müssen. natürlich kann luft schnappen auch gelesen werden als ein "vor der tür frische luft schnappen". aber schon gleich in der darauffolgenden zeile "dinge nehmen überhand" und am ende vor allem durch "flucht auf der jagd nach atembaren" zwingt es mich als leser, der vielleicht noch eingangs naiv an frische luft schnappen dachte, dazu, das ganze nochmal zu überdenken und neu zu lesen, anders zu lesen, neu zu interpretieren. ein vorangestelltes zitat beraubt mich des selbst erfahrens und gibt gleich schon vor dem gedicht einen lösungsweg vor. was ich schade finde und was meinem empfinden nach einem gedicht immer eher schadet als nützt. irritationen sind beim lesen nicht unwichtig, weil gerade sie es sind, die uns zwingen, tiefer einzutauchen.

ja......spannende diskussion. find ich auch.

wer sich mit einer krone schmückt, den sieht man erst einmal nicht als menschen, sondern als gekrönten. dann davon abzurücken und nur den menschen zu sehen, wird dann schwierig...

ecb

Beitragvon ecb » 07.07.2012, 14:15

Ist für mich ok, wenn du das so siehst, Niko, hat aber mit mir nichts zu tun.

Ich sehe es nun mal genau so wie xanthippe, von deren Intuition diesem Text und seinem Zusammenhang mit dem Zitat gegenüber ich mich zutiefst verstanden fühle - vielen Dank, xanthippe!

Zwei mögliche Haltungen zu einem Stilmittel, und jeder muß halt für sich entscheiden, wie er/sie das sieht, denke ich - könnten wir so verbleiben?

Lieben Gruß
Eva

Mucki
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Beitragvon Mucki » 07.07.2012, 22:24

Hallo Eva,

seltsam, mir geht es weder wie Niko, noch wie Xanthi, da sich mir das Zitat verschließt (darin lese ich einfach nur einen Endloskreislauf), dein Gedicht hingegen öffnet sich mir.
Sprich: das Zitat öffnet für mich keinen Raum oder bereitet mich auf dein Gedicht vor oder stimmt mich darauf ein. Ich las dann nur dein Gedicht, welches mir gut gefällt.
Nicht nur das "atembare", wirklich ein sehr schönes Wort, ich mag auch, wie du hier das Wort "schlaf" verwendest, die verschiedenen "Positionen", die es einnimmt.

Lieben Gruß
Gabriella

ecb

Beitragvon ecb » 08.07.2012, 15:10

Vielen Dank, Gabriella, und es ist schon wirklich spannend, wie vielfältig Reaktionen sein können. Oft sind es ja Reaktionen, die sich der Analyse weitgehend entziehen, persönlich, sinnlich, spontan, und so muß es ja auch sein bei Gedichten und bei Kunstwerken überhaupt, da sie in erster Linie die nicht-rationellen Wahrnehmungsorgane ansprechen.

Lieben Gruß
Eva


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