für später

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
poeta

Beitragvon poeta » 23.03.2012, 08:19

für später


zwischen den Zeilen
dein Aus- und Einatmen
- Verschnaufpause -
lautlos an Wänden aus Glas

das Löschpapier getränkt
mit Überschwang und Tintenblut
Blaupause in Spiegelschrift
an die Netzhaut gepinnt

deine Handschrift durchgedrückt
auf meine leeren Seiten
Lichtpause - verblasst im weißen
Rauschen langer Mittsommernächte

das alles wohlverwahrt
zwischen Wertpapieren
und Expertisen

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Eule
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Beitragvon Eule » 28.03.2012, 08:19

Liebe/r poeta, dieses Gedicht wirkt wie eine Erinnerung auf mich. Der Titel würde gut zu so einer Deutung passen. Mir gefällt der Text gut, er verwendet leise und sehr persönliche Töne. In Strophe drei stört mich ein wenig das Bild des "unbeschriebenen Blattes", an dieser Stelle droht für mich die Romantik in Richtung Kitsch übertrieben zu werden. Das wäre insgesamt aber auch schon mein einziger Einwand.
Zuletzt geändert von Eule am 28.03.2012, 08:48, insgesamt 1-mal geändert.
Ein Klang zum Sprachspiel.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 28.03.2012, 08:42

Hallo Poeta,

ich schleiche hier schon eine Weile herum, wahrscheinlich, weil ich ziemliche Schwierigkeiten habe, ein "Bild" zu bekommen und ein wenig fürchte, dass ich völlig gegen deine Intention lese. Mir geht es auch anders, als Eule, ich empfinde das Gedicht weder als romantisch, noch leise. Ich gehe mal den einzelnen Strophen nach.
zwischen den Zeilen
dein Aus- und Einatmen
- Verschnaufpause -
lautlos an Wänden aus Glas
Das Aus- und Einatmen ist für mich völlig gegen das Lesen gesetzt, da ich hier erst einmal ein- und dann erst wieder ausatmen muss. Ein unangenehmer Anfang. Die "Verschnaufpause" klingt für mich zu gewollt "witzig", vor allem nachdem der Fokus aufs tatsächliche Atmen gelenkt wurde. Die letzte Zeile entfaltet ihre Wirkung erst durch den Kontext der anderen Strophen.

das Löschpapier getränkt
mit Überschwang und Tintenblut
Blaupause in Spiegelschrift
an die Netzhaut gepinnt
"Tintenblut" ist mir persönlich zu viel und zu laut und zu sehr von Cornelia Funke besetzt. "an die Netzhaut gepinnt" ist ein abstoßendes und gewalttätiges Bild. Auch der "Überschwang" bekommt hier einen sehr negativen Beigeschmack, sicher auch durch das "Blut".

deine Handschrift durchgedrückt
auf meine leeren Seiten
Lichtpause - verblasst im weißen
Rauschen langer Mittsommernächte
"durchgedrückt" klingt wieder unangenehm, aufdringlich und übergriffig, zusammen mit dem "gepinnt" und der Zeile "lautlos an Wänden aus Glas", wirkt das bedrohlich auf mich, als wollte und könnte er sowohl ihre Sicht, als auch ihr Leben, ihr "Sein" bestimmen, als wäre sie immer unter seiner Kontrolle, ohne Versteckmöglichkeit. Die "leeren Seiten" klingen emotionslos, als Gegensatz zu seinem Überschwang, und sich selbst nicht wahrnehmend. Das wäre für mich an sich sehr schlüssig und stimmig gezeigt und auch sprachlich gut umgesetzt, allerdings verstehe ich dann nicht, was daran "wohlverwahrt" und "für später" aufgehoben wird und warum? Vielleicht sagt mir daher auch das weiße Rauschen nichts, weil ich gar nicht weiß, ob das Verblassen nun positiv oder negativ zu lesen ist.

das alles wohlverwahrt
zwischen Wertpapieren
und Expertisen
Am Ende eine sehr nüchterne Strophe, die von finanzieller Absicherung erzählt, in einem übertragenen Sinn aber darin auch die "Wertlosigkeit" seiner "Schriften" mitschwingen könnte. Da ich keinen anderen Anhaltspunkt habe, beziehe ich die "Expertisen" auf die Beziehung, wer sie "erstellt" hat und mit welcher Intention, bleibt offen.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

poeta

Beitragvon poeta » 28.03.2012, 14:27

hallo Eule,

vielen dank für deine rückmeldung. es ist schon immer wieder interessant, zu erfahren, wie unterschiedlich texte wahrgenommen und interpretiert werden. (siehe Flora!)
an der auf leere seiten durchgedrückten handschrift führt wohl kein weg vorbei :smile: . ich hatte da das konkrete bild eines notizzettelblocks vor augen, die leeren seiten (zukunft) sind nicht wirklich leer, weil sie schon gezeichnet sind von dem, was vergangenheit und gegenwart schrieben/schreiben. vielleicht ist es vor allem das besitzanzeigende fürwort "meine leeren seiten", das hier ein bisschen zu viel ist. was meinst du, wärs ohne besser?

"...auf noch leeren seiten..." ???

nochmals danke.
liebe grüße, poeta




hallo Flora,

dieser kommi von dir ist wirklich ein ganz besonderes geschenk. du hast die ambivalenz des textes (zwar ein bisschen verstört ?) aufgespürt und wunderbar herausgearbeitet. dafür ein herzliches danke.
da wird etwas "für später" aufgehoben, das im moment nur wehtut, da schwingt eine hoffnung mit, sich das wertvolle bewahren und sich eines tages damit auseinandersetzen und dankbar sein zu können...
aber nun im detail:
Das Aus- und Einatmen ist für mich völlig gegen das Lesen gesetzt, da ich hier erst einmal ein- und dann erst wieder ausatmen muss.

das ist ein bisschen wie mit dem huhn und dem ei. es ist ein kreislauf, in den man hier, wie da einsteigen kann. um tief und frei einatmen zu können, muss ich erst bewusst ausatmen. ich beginne jede atemmeditation, auch jede lesung, mit dem bewussten ausatmen.
ausatmen auch deshalb zuerst, weil es ein hinweis sein könnte, dass LI von LD ausgeatmet wurde - andernorts wieder einatmet?
Ein unangenehmer Anfang. Die "Verschnaufpause" klingt für mich zu gewollt "witzig", vor allem nachdem der Fokus aufs tatsächliche Atmen gelenkt wurde.

witzig solte es eigentlich nicht sein, das ist wohl daneben gegangen. eher wollte ich anklingen lassen, dass die beziehung anstrengend war, dass man gerade eine beziehungs-verschnaufpause einlegt. im augenblick sehe ich noch nicht, wie ich das besser hinkriegen könnte: atempause (?), dann müsste ich mir statt des aus- und einatmens etwas anderes einfallen lassen...
"Tintenblut" ist mir persönlich zu viel und zu laut und zu sehr von Cornelia Funke besetzt.

ja das ist ein problem, das ich im vorfeld auch gesehen habe, aber dennoch keine bessere lösung finden konnte, wenn du eine hast?
"an die Netzhaut gepinnt" ist ein abstoßendes und gewalttätiges Bild.

jaah, es sind bilder, deren man sich nicht erwehren kann, filme, die ablaufen, ohne dass man sie startet..., die man aber bewusst und mit kraftaufwand "abstellen" muss.
Auch der "Überschwang" bekommt hier einen sehr negativen Beigeschmack, sicher auch durch das "Blut".

das blut spricht von verletzungen (vor allem gemeinsam mit "...gepinnt", aber auch von lebendigkeit, lebenskraft. vitalität des LD; eingetrocknet im löschblatt aber nur noch erinnerung. überschwang (der gefühle) - interessant, dass das negativ bei dir ankommt - als entsprechung der überflüssigen tinte, die vom löschblatt aufgenommen wird, überschwang, aufgenommen und abgespeichert, dabei auch subjektiv verändert, bewertet (spiegelschrift)
"durchgedrückt" klingt wieder unangenehm, aufdringlich und übergriffig, zusammen mit dem "gepinnt" und der Zeile "lautlos an Wänden aus Glas", wirkt das bedrohlich auf mich, als wollte und könnte er sowohl ihre Sicht, als auch ihr Leben, ihr "Sein" bestimmen, als wäre sie immer unter seiner Kontrolle, ohne Versteckmöglichkeit. Die "leeren Seiten" klingen emotionslos, als Gegensatz zu seinem Überschwang, und sich selbst nicht wahrnehmend. Das wäre für mich an sich sehr schlüssig und stimmig gezeigt und auch sprachlich gut umgesetzt, allerdings verstehe ich dann nicht, was daran "wohlverwahrt" und "für später" aufgehoben wird und warum?

ja, es ist auch unangenehm, aber nicht nur, nachdrücklich wäre auch eine mögliche lesart. es ist realität, dass die gegenwart in die zukunft vorausgreift, eine intensive beziehung spuren hinterlässt, der unbeschriebene block, nicht wirklich unbeschrieben ist, mit einem bleistift darüber schraffiert, können unsichtbare zeichen sichtbar gemacht und sogar entziffert werden... auch wenn LD den obersten zettel, seine notizen, mitnimmt, lässt es doch das, was sich immer schwächer werdend durchgedrückt hat zurück.
auch das wird "für später" aufgehoben. "wohlverwahrt" deshalb, weil bei all den schmerzlichen und negativen gefühlen doch auch immer noch das bewusstsein für den wert dieser beziehung, für die schönen und guten zeiten erhalten blieb und auch bleiben soll...
Vielleicht sagt mir daher auch das weiße Rauschen nichts, weil ich gar nicht weiß, ob das Verblassen nun positiv oder negativ zu lesen ist.

genau! LI ist hin- und hergerissen, ob es sich nun ein verblassen wünscht oder doch nicht.
Am Ende eine sehr nüchterne Strophe, die von finanzieller Absicherung erzählt, in einem übertragenen Sinn aber darin auch die "Wertlosigkeit" seiner "Schriften" mitschwingen könnte. Da ich keinen anderen Anhaltspunkt habe, beziehe ich die "Expertisen" auf die Beziehung, wer sie "erstellt" hat und mit welcher Intention, bleibt offen.

ja ein versuch nüchtern und sachlich damit umzugehen. wie kommst du auf "wertlosigkeit", wenn etwas bei den wertpapieren aufgehoben wird?
ist es relevant, von wem die expertisen erstellt wurden? expertisen geben aufschluss über echtheit und wert... können auch von den protagonisten selbst erstellt und zu einem späteren zeitpunkt revidiert werden, oder?
interessant finde ich am rande, dass du LI und LD so selbsverständlich in weiblich und männlich zugeordnet hast. der mit der kräftigen handschrift muss ja wohl er sein, nicht :mrgreen: ?

du hast mir mit deinem detaillierten kommi einen große dienst erwiesen, mir ist dabei auch wieder ein stückchen mehr klargeworden, dass sich das meiste im leben nicht eindeutig positiv oder negativ zuordnen lässt, obwohl wir das so gern hätten. da muss man halt auf die guten alten märchen zurückgreifen. :-)

liebe grüße, poeta

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 28.03.2012, 19:57

Hallo Poeta,

deine ausführliche Antwort hat mich sehr gefreut! :nicken:
da wird etwas "für später" aufgehoben, das im moment nur wehtut, da schwingt eine hoffnung mit, sich das wertvolle bewahren und sich eines tages damit auseinandersetzen und dankbar sein zu können...
Ich glaube für mich müsste das "wertvolle" noch irgendwie im Text sichtbar werden und wenn es nur eine Zeile, oder kleine Andeutung wäre.
witzig solte es eigentlich nicht sein, das ist wohl daneben gegangen. eher wollte ich anklingen lassen, dass die beziehung anstrengend war, dass man gerade eine beziehungs-verschnaufpause einlegt. im augenblick sehe ich noch nicht, wie ich das besser hinkriegen könnte: atempause (?), dann müsste ich mir statt des aus- und einatmens etwas anderes einfallen lassen...
Nein, das Aus- und Einatmen würde ich lassen, da es stark "wirkt". Vielleicht statt "Verschnaufpause" eine "Ruhepause", oder "Erholungspause", oder "Auszeit" ... oder einfach nur "Pause"? Das fände ich glaube ich auch klanglich und von der Wirkung her am besten.

Zitat:
"Tintenblut" ist mir persönlich zu viel und zu laut und zu sehr von Cornelia Funke besetzt.

ja das ist ein problem, das ich im vorfeld auch gesehen habe, aber dennoch keine bessere lösung finden konnte, wenn du eine hast?
Schwierig, wenn du das Blut drin haben willst ... um wenigstens Frau Funke zu umgehen fällt mir höchstens "Tuscheblut" ein.

Zitat:
Auch der "Überschwang" bekommt hier einen sehr negativen Beigeschmack, sicher auch durch das "Blut".

das blut spricht von verletzungen (vor allem gemeinsam mit "...gepinnt", aber auch von lebendigkeit, lebenskraft. vitalität des LD; eingetrocknet im löschblatt aber nur noch erinnerung. überschwang (der gefühle) - interessant, dass das negativ bei dir ankommt - als entsprechung der überflüssigen tinte, die vom löschblatt aufgenommen wird, überschwang, aufgenommen und abgespeichert, dabei auch subjektiv verändert, bewertet (spiegelschrift)
Wahrscheinlich kommt der Überschwang negativ an, weil mir von Seiten des LIchs jegliches positive Gefühl fehlt, ich sehe es recht hilflos diesem Überschwang "ausgeliefert". Vielleicht würde sich das ändern, wenn das Löschpapier nicht getränkt, also wieder passiv, wäre, sondern aufgesaugt hätte ... ja, ich glaube das wäre für mich schon der Hinweis, der mir fehlt.
Also in diese Richtung:
mein Löschpapier hat aufgesaugt
den Überschwang und Tuscheblut


(oder, was mir das Laute des Tintenblutes etwas wegnehmen würde und die Gedanken der Lebendigkeit/Bewegung mit aufnehmen:
mein Löschpapier hat aufgesaugt
den Überschwang in Tuscheblut
verlaufene Figuren
)

ja ein versuch nüchtern und sachlich damit umzugehen. wie kommst du auf "wertlosigkeit", wenn etwas bei den wertpapieren aufgehoben wird?
Wahrscheinlich habe ich um zwei Ecken zu weit gedacht. ;-) Aber ich glaube auch hier würde mir das "aufsaugen" weiterhelfen, einfach weil es einen positiven Hinweis gibt, einen kleinen Sehnsuchtsanker setzt.
ist es relevant, von wem die expertisen erstellt wurden? expertisen geben aufschluss über echtheit und wert... können auch von den protagonisten selbst erstellt und zu einem späteren zeitpunkt revidiert werden, oder?
Ja, mir gefällt auch, dass das offen bleibt, das war keine Kritik.
interessant finde ich am rande, dass du LI und LD so selbsverständlich in weiblich und männlich zugeordnet hast. der mit der kräftigen handschrift muss ja wohl er sein, nicht ?
Finde ich auch interessant. :)

Für mich wären die "leeren Seiten" leichter in deinem Sinn entschlüsselbar, wenn es die "nächsten" oder "folgende Seiten" wären, darin würden dann die folgenden Zeiten mitanklingen. Den von dir intendierten Zeitaspekt hatte ich darin nämlich gar nicht gesehen, sondern eine Gleichzeitigkeit und völlige Unterordnung. Er schreibt, sie wird beschrieben.
deine Handschrift durchgedrückt
auf meine folgenden Seiten


Vielleicht ist noch ein Gedanke für dich dabei. :-)

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

poeta

Beitragvon poeta » 31.03.2012, 09:57

hallo Flora,
da sind noch ganz viele gedanken für mich dabei. danke! :-)
ich arbeite mich mal wieder der reihe nach durch.

Ich glaube für mich müsste das "wertvolle" noch irgendwie im Text sichtbar werden und wenn es nur eine Zeile, oder kleine Andeutung wäre.

meinst du? ich kann mir im moment nicht recht vorstellen, wie ich das integrieren soll? mir selbst, denke ich, würde der letzte abschnitt im verbund mit dem titel "für später" eigentlich genügen, um die ambivalenz aufzuzeigen, - nicht?

Nein, das Aus- und Einatmen würde ich lassen, da es stark "wirkt". Vielleicht statt "Verschnaufpause" eine "Ruhepause", oder "Erholungspause", oder "Auszeit" ... oder einfach nur "Pause"? Das fände ich glaube ich auch klanglich und von der Wirkung her am besten.

mmh.., gern geb ich die verschnaufpause nicht auf, muss ich gestehen, weil sie mir persönlich sehr bildlich von vorangegangenen mühen spricht und sich in meiner vorstellung die glaswände dadurch beschlagen, die eigene kleine welt vor fremden blicken und zugriffen schützen, aber auch den blick engen - auf die eigene situation fokussieren...
was hälts du davon:

[i]"... pause - um luft zu holen,
lauloser hauch an wänden aus glas" --- ???
[/i]

Schwierig, wenn du das Blut drin haben willst ... um wenigstens Frau Funke zu umgehen fällt mir höchstens "Tuscheblut" ein.

klingt das nicht sehr gewollt?
" dein überschwang in tintensprache/schrift * /klecksen (*dann müsst ich die "handschrift" ändern!)
vom löschblatt aufgesaugt;
blaupause...."


Für mich wären die "leeren Seiten" leichter in deinem Sinn entschlüsselbar, wenn es die "nächsten" oder "folgende Seiten" wären, darin würden dann die folgenden Zeiten mitanklingen. Den von dir intendierten Zeitaspekt hatte ich darin nämlich gar nicht gesehen, sondern eine Gleichzeitigkeit und völlige Unterordnung. Er schreibt, sie wird beschrieben.


wie wärs mit:
"deine handschrift durchgedrückt
auf die noch leeren seiten
meines abreißblocks... "


eine neue version könnte also wie folgt aussehen:


für später


zwischen den Zeilen
dein Aus- und Einatmen
Pause, um Luft zu holen,
lautloser Hauch an Wänden aus Glas

dein Überschwang in Tintensprache
vom Löschblatt aufgesaugt,
Blaupause in Spiegelschrift
an die Netzhaut gepinnt

deine Handschrift durchgedrückt
auf die noch leeren Seiten
meines Abreißblocks
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vielen herzlichen dank für deine intensive auseinandersetzung mit dem text und die vielen hilfreichen anregungen.
liebe grüße, poeta

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 09.04.2012, 08:55

Hallo Poeta,

Zitat:
Ich glaube für mich müsste das "wertvolle" noch irgendwie im Text sichtbar werden und wenn es nur eine Zeile, oder kleine Andeutung wäre.

meinst du? ich kann mir im moment nicht recht vorstellen, wie ich das integrieren soll? mir selbst, denke ich, würde der letzte abschnitt im verbund mit dem titel "für später" eigentlich genügen, um die ambivalenz aufzuzeigen, - nicht?
Das "aufsaugen" reicht mir schon. :)
mmh.., gern geb ich die verschnaufpause nicht auf, muss ich gestehen, weil sie mir persönlich sehr bildlich von vorangegangenen mühen spricht und sich in meiner vorstellung die glaswände dadurch beschlagen, die eigene kleine welt vor fremden blicken und zugriffen schützen, aber auch den blick engen - auf die eigene situation fokussieren...
was hälts du davon:

"... pause - um luft zu holen,
lauloser hauch an wänden aus glas" --- ???
Dein Gedanke zum Beschlagen gefällt mir sehr, ich hatte ihn aber nicht herausgelesen, vielleicht, weil das "lautlos" zu sehr in die akustische Richtung lenkt? Das "um luft zu holen" bräuchte ich nicht, es schwächt die Pause für mich. Wenn ich mir die neue Version anschaue, finde ich tatsächlich auch die Verschnaufpause und das Tintenblut näher an deiner Intention und stärker. Auch der "lautlose" Hauch überzeugt mich nicht.

Verschnaufpause – beschlagen
die Wände aus Glas


So vielleicht?

wie wärs mit:
"deine handschrift durchgedrückt
auf die noch leeren seiten
meines abreißblocks... "
Das gefällt mir. :)

In deiner neuen Version wird der Mittelteil sehr aufzählend und gleichförmig, es entsteht dadurch ein stärkerer Sog, eine "Aufregung". Wenn du das bewusst als Stilmittel einsetzen möchtest, würde ich diesen Teil zu einer Strophe zusammenfassen.
Das würde dann so aussehen:

für später

zwischen den Zeilen
dein Aus- und Einatmen

Verschnaufpause – beschlagen
die Wände aus Glas

Dein Überschwang in Tintenblut
vom Löschblatt aufgesaugt
Blaupause in Spiegelschrift
an die Netzhaut gepinnt
deine Handschrift durchgedrückt
auf die noch leeren Seiten
meines Abreißblocks

Lichtpause - verblasst im weißen
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das alles wohlverwahrt
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Liebe Grüße
Flora
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poeta

Beitragvon poeta » 14.04.2012, 06:48

hallo Flora,

entschuldige die späte antwort; ist irgendwie im trubel der osterferien untergegangen!
und vielen dank dir für "dranbleiben"
leider muss ich mich auch jetzt kurz fassen. zu deinem vorschlag
Verschnaufpause – beschlagen
die Wände aus Glas

hier hätte ichs gern etwas aktiver und gegenwärtig, etwa so:

- verschnaufpause -
schlägt sich (wortlos ?) nieder
[beschlägt an...]
an wänden aus glas

In deiner neuen Version wird der Mittelteil sehr aufzählend und gleichförmig

das überrascht mich, weil ich das gar nicht so lese. für mich ist es eine spurensuche: was hat LD im leben von LI hinterlassen?
1) ... was zwischen den zeilen steht - verschnaufpause (LI liest was nicht ausgesprochen wird/wurde, was die beziehung anstrengend macht(e) - beziehungsverschnaufpause, die aber nicht weiteet, sondern engt (beschlag)...
2) ... tintenkleckse auf dem löschblatt - blaupause (LI reflektiert und betrachtet (spiegelvekehrt), was besonders "dick aufgetragen" wurde, sich in der erinnerung festgesetzt hat "sehnsüchtig" - blaupause
3) ... was sich durchgedrückt hat auf die noch leeren seiten - lichtpause (LI sieht in die zukunft, wie sich das erlebte durchdrückt/auswirkt - und erlebt das letzlich als gewinn durch all das "weiße rauschen" langer, leerer, schlafloser nächte hindurch - lichtpause

mir erscheint es nur logisch und sinnvoll, dass diese drei aspekte in drei abschnitte gegliedert werden. warum du die lichpause vom durchgedrückte absetzt ist mir hingegen nicht klar, ebensowenig, warum du löschblattspuren und durchgedrücktes zu einem punkt zusammenziehen möchtest.


Also ein neuer versuch: (ich hab das gefühl, dass es langsam wird!)

für später

zwischen den Zeilen
dein Aus- und Einatmen
- Verschnaufpause –
schlägt sich nieder
an Wänden aus Glas

Dein Überschwang in Tintenblut
vom Löschblatt aufgesaugt
Blaupause in Spiegelschrift
an die Netzhaut gepinnt

deine Handschrift durchgedrückt
auf die noch leeren Seiten
meines Abreißblocks
Lichtpause - verblasst im weißen
Rauschen langer Mittsommernächte

das alles wohlverwahrt
zwischen Wertpapieren
und Expertisen


vielen für deine geduld und ausdauer, liebe Flora! :-)

liebe grüße, poeta


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