Crash Zip

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
jondoy
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Beitragvon jondoy » 19.08.2010, 20:32

[align=right]Das Gück rauscht in nem Mercedes in meinen Garten.
Sitze im Schönen.
Reiße mir mit wunden Händen die Brennesseln raus.[/align]
[align=right]Male der Brennesseln auf die Haut.

Könnte versuchen, mich zum Bleiben zu bewegen.
Vogel im Baum über mir Vorfreude zelebriert.

Halt die Klappe, Kleiner.[/align]

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Zakkinen
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Beitragvon Zakkinen » 21.08.2010, 14:51

Sehr kryptisch. Ich bin geneigt, um eine Erläuterung zu bitten.

Ist "Male der Brennesseln auf die Haut." Absicht so? Stellt mich vor eine grammatische Herausforderung. Ebenso "Vogel im Baum über mir Vorfreude zelebriert."

Servus,
H

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 23.08.2010, 11:12

ich mag dieses gedicht sehr. was allerdings zeit und geduld und ein sich einlassen braucht, damit es sich entfalten kann. ich finde keine worte um das zu beschreiben, weil es diese schönheit des grausamen hat, es schreibt etwas schön, was ich fürchte. (jetzt bin ich vermutlich auch kryptisch ;-))
ach, ich weiß auch nicht, ob ich das erklären will und mag. alles was ich unbeholfen in worte packen könnte, würde am ende nur dieses grausam schöne bild zerstören.

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 23.08.2010, 14:39

Hallo Stefan,

ich finde einen ganz ähnlichen Zugang zu dem Text wie Xanthippe - ich habe zwar keine Angst, dass das Besondere des Textes zerfällt, wenn ich versuche es zu umschreiben, aber der Text ist auch für mich eine Spur zu unfassbar, dass ich einen "Griff" (aus Worten) tun könnte - : Ich glaube, das kommt, weil ich das "Zip" nicht verstehe, das könnte einen wichtigen Hinweis liefern. So weiß ich nicht, ob ich mit meiner Vorstellung nicht in die falsche Richtung laufe: ich sehe nämlich in einem Vorgarten ein Auto in den Garten von jemanden rasen (ein Unfall) und dieser Zustand des Unfalls/Autos/der Leute darin (viellicht verletzt, aber es wird kein Arzt gerufen, zumindest nicht in der Zeit, die vergeht, die das Gedicht schildert. "Parallel" dazu (in Anführungsstriche, weil der äußere und innere Zustand zusammenfällt) ist das dieses lyr. Ich im Garten, dass sich verletzt und dem die Verletzung eine Schönheit auch der Unfall hat den Zusatz "des Glücks"), eine Ausdrucksmöglichkeit ist, ein Berühren des eigenen Körpers.). Für mich erscheint dadurch der Mercedes im Garten als Ausdruck (Bluten/Brennen) des lyr. Ichs. Und andersherum spiegelt der Zustand des lyr. ichs den Zustand der Gesellschaft, in der sich auch der Mercedes befindet (Mercedes des Glücks), nur dass dies nicht so deutlich werden kann, weil das lyr. Ich bzw. vielleicht auch nur ein (bisher?) abgetrennter Zustand von ihm isoliert (nicht teilbar) erscheint.

Ich musste irgendwie gefühlt an so eine Art Zwischenzustand denken, wie ihn auch dieses Bild zeigt:

http://web23.cletus.kundenserver42.de/h ... n-1926.jpg
(keine gute Fargebung des "Drucks")

Das ist eine ähnliche Nische, die sich da grausam auftut, nur das in deinem Text das lyr. Ich viel passiver wirkt als der Mörder in Magrittes Bild - der so gesehen, weniger zerstört ist als dein lyr. Ich.

So lese ich den Text, fühlt sich richtig an, kann aber auch ganz daneben liegen...aber das sich zugestehen zu müssen, mag ich an solchen Texten auch. Denn wenn der Text so etwas ähnliches beschreiben möchte, wie ich versucht habe darzulegen, dann ist seine "Kryptik" wie Henkki sagt in meinen Augen notwendig.

liebe Grüße,
Lisa

(wie schön dich zu lesen)
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

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Zakkinen
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Beitragvon Zakkinen » 23.08.2010, 14:51

Hallo Jondoy, hallo Lisa und Xanthippe,

kryptisch ist nicht notwendigerweise schlecht, definitiv nicht. War auch nicht so gemeint. Vor meinem Auge entstanden ähnliche Bilder wie bei Lisa. Ich habe allerdings noch Schwierigkeiten, mit der präzisen Zuordnung. Wessen Mercedes in wessen Garten? Ist das ein Glück (oder ist gar nicht von Glück die Rede? Da steht Gück, ich nehme mal an, ein Tippfehler)?

Gruß
Henkki

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leonie
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Beitragvon leonie » 23.08.2010, 15:15

Hallo Stefan,

mir geht es ähnlich wie meinen Vorrednern.
Ich sehe einen Mercedes in einem Garten stehen, mitten im Grünen, zwischen Blumen. Wo er nicht hingehört. Ich sehe zersprungene Scheiben, Splitter in der Haut des Insassen (lyrIch), Blut, Schmerz. Und drumherum die Schönheit des Gartens.
Den Schwebezustand des LyrIch, wo man beginnt neben sich zu stehen und sich selbst zu sehen, wo man noch "Ich" ist, das "Ich" sich aber schon aufzulösen beginnt und dahinein zwitschert ein Vogel. Will das lyrIch, das auf der Grenze zwischen "Welten" geht, manipulieren (wobei für mich als Leserin offen bleibt , in welche Richtung, während es für das lyrIch aber deutlich ist). Das lyrIch scheint aber auf der Grenze sich selbst entscheiden zu wollen.

Ich habe einmal eine Frau kennengelernt, die nach einer OP zwischen Leben und Tod war und geschildert hat, was sie geträumt hat. Es war im wahrsten Sinne des Wortes eine Gratwanderung. Und das "Drüben" verlockend und schön.
Daran hat mich der Text erinnert.

Zip hat doch etwas mit Komprimieren zu tun. Das passt zum einen zum Unfall, zerknautschte Haube (ich weiß, wovon ich rede :-) ), zum anderen aber auch zu dem, was sich in so einem Moment in einem abspielt. Bei mir war es nur die Mauer, die im Zeitraffer auf mich zukam, bei anderen habe ich aber auch schön gehört, dass es das ganze Leben ist, was da in komprimierter Form an einem vorbei läuft.

Gern gelesen! Setzt einen inneren Film frei, das mag ich...

Liebe Grüße

leonie

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 23.08.2010, 15:26

Lieber Henkki,

ich tippe auf Tippfehler .-). Ich habe das kryptisch nur so kritisiert, weil du es allein hast stehen lassen :-)
Das "Male der Brennessel auf die Haut" lese ich übrigens doppelt konstruiert und beabsichtigt (Male mir und die Male aud der Haut, extra zusammengesprochen, um beide Seiten zu zeigen):

leonie: Ja, genau, ich dachte auch an das Zip-Format, aber es ging noch nicht ganz für mich auf, jetzt hast du es schön erfasst, danke dafür! (diese Bewegung vom Fortgehen angezogen zu werden, sehe ich auch ganz klar!), könnte die Szene auch etwas einheitlicher sein in Bezug auf die Identität von Insassen und lyr. Ich, aber ich mag eigentlich mein getrenntes lesen.

liebe grüße,
Lisa
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leonie
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Beitragvon leonie » 23.08.2010, 15:45

Ich finde diesen grammatikalisch uneindeutigen Satz auch stimmig, weil er eine Subjekt/Objekt-Verwischung bewirkt, #die ich an dieser Stelle sehr passend finde!

Liebe Grüße

leo

jondoy
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Beitragvon jondoy » 23.08.2010, 16:23

Hallo ´Comments´,

vorab, hab eure Reaktionen erst jetzt gelesen.

Servus H..,
ja, kryptisch wollte ich diesmal....., hey, ich freu mich drüber, dass auch es so bei Euch angekommen ist, :smile:

Hallo Xanthippe,
"es schreibt etwas schön, was ich fürchte",
der Intension, in welche diese Worte gehen, zeigt der Kompass schon einigermaßen die Richtung Norden an,

Liebe Lisa,
zuerst dank ich dir für deinen ausführlichen Kommentar, den ich natürlich mit Interesse und gern gelesen hab. Freuen tuts mich.

Wie bereits erwähnt, hab ich die Aussagen (des Textes) kryptisch (be)schreiben wollen, allerdigns in erster Linie wegen des Sprachklangs. Für mich ist die Frage, wie sich der Text "anhört", hier wichtig gewesen, ich hab den Text zum Ende hin wirklich rausgeschrieben, ich war schwer versucht, noch mehr zu kryptisiersen..., das gibt ihm die nötige.....
Ich kann auf Kommentare im Moment nicht so, wie ich möchte, eingehen, weil die Welt bei mir einfach monatelang Kopf steht,

dennoch

werd ich jetzt den Assoziationen, die du zum Text hattest, etwas entgegnen, etwas über Text sagen, ohne ihn zu erklären,

Jede Zeile im Text sind Bilder, von mir gemalt, alles Metaphern, keinesfalls wortwörtlich zu verstehen, obwohl sie von ihrer Intensität und von ihrer Wahrheit her sehr konkret sind.
Der erste Satz z.B. ist ein Bild, meine Vorstellung von dem, was innerlich in dem abgeht, den ich beschreiben wollte, mit einem realen "Unfall" hat das natürlich so viel zu tun wie mit der Autobahn zum Mars,
andererseits ist es gewissermaßen doch ein "Unfall", wenn etwas in dem Moment, in dem du es gar nicht gebrauchen kannst, hereinschneit...

"Male der Brennesseln auf die Haut",
iss so ein metaphorischer Zwittersatz, einerseits wollte ich ein "konkretes" Bild beschreiben: Male der Brennesseln auf der Haut (Habt ihr das nicht gemacht als Kinder, mit Brennesseln sich auf die Haut brennen, es zeichnet doch auf die Haut diese Flecken, die so mit Langzeitwirkung brennen), kostenloses Henna auf die Haut,
vielleicht deswegen wollte ich gleichzeitig auch schreiben: "Male mir Brennesseln auf die Haut".
Raus kam dieser Mischsatz, sprachlich verdreht, passt nicht wirklich zusammen, aber irgendwie doch.
Zuletzt geändert von jondoy am 23.08.2010, 16:45, insgesamt 3-mal geändert.

jondoy
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Beitragvon jondoy » 23.08.2010, 16:39

...ach ja, dieses Bild, dass erinnert mich spontan an Bilder von Frieda Kahlo... :smile:

Hallo Leonie,

diesen Satz von dir "Setzt einen inneren Film frei, das mag ich...", find ich super,

wunderbar, so sollte es sein, yeah, danke, der Film, der bei dem Text in meinem Kopf abläuft, ist natürlich ein anderer, aber nicht weniger wild,
so sitze ich jetzt auf nem Berg (dieses "Bild" hab ich neulich bei hier im Forum irgendwo gelesen ;- ) ), und guck den Filmen zu, die sich da vor euren Augen abspielen,

Namaste, Stefan,

ps, beschreib mir glück, ein tippfehler, mercedes ; - ). (...letzteres war Methapher für einen Frauennamen)

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 23.08.2010, 18:32

Lieber Stefan,

hab Dank für deine Antwort, ich denke, ich habe mich dann in die richtige Richtung bewegt und freu mich, dass der Text noch metaphöser ist, als ich annahm, gefällt mir ausnehmend gut :-)

liebe grüße,
Lisa
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Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

Jelena

Beitragvon Jelena » 18.10.2011, 08:56

Hallo jondoy,

bin begeistert, heute dieses Gedicht von dir gefunden zu haben. Also, ich weiß zwar nicht, wie ich das ins Wort bringen kann, aber ich find's wirklich toll.
Ich lese es als lange Geschichte, ein Verbinden von dem Empfinden von Früher mit dem Empfinden von Heute. Verschiebungen, Werteveränderugen, Hereinbrechen von alten Bildern in die gerade erlebten. Das Kursive als Erinnerung. Heute die Sitze im Mercedes schön, gestern die Brennnesseln Instrument zur Malerei. Der Vogel vorlaut, füher das Kind vorlaut. Das Kind wird deshalb vermisst. Ein Bleiben scheint unmöglich zu sein.

Sorry, fürs Graben, aber ich war neugierig, Jelena.

jondoy
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Beitragvon jondoy » 25.10.2011, 00:49

Hallo Jelena,

wenn ich mit Worten so beschwingen könnte, wie du es mit diesen Worten bei mir geschafft hast, dann würdest du einen ganzen Tag lang auf Wolke sieben schweben....da könnte ich richtig temperamentvoll werden und dich mehr als einmal mit der Hand herumwirbeln...

...irgendwo in...texas, in der westtexanischen wüste...an einer tanke...da drüben steht ein Pick-up,
komm den schnappen wir uns und fahren raus....


Siehst du die dunkle Wolke vor uns, die ist nicht kegelförmig, das ist kein Tornado...

Die Wolke schien noch weit weg, als die ersten Heuschrecken gegen die Windschutzscheibe spritzten wie Hagel. Gleich darauf war das Surren der Flügel zu hören. Dann wurde die Welt um das Auto so schlagartig schwarz, als wäre die Sonne ausgeblasen worden. Die Wolke hatte das ganze Auto in eine dicke Kruste gehüllt, einen Mantel aus Heuschrecken...

"taifun
....
........
zwei fliehen in ein
auge (jelena)

....für ein paar Momente, nicht mal die, die da draußen psychedelisches Zeugs konsumieren, Smartphones, Laptops, PC´s oder anderes Community-Dope, (...ick bin auf I-Phone, und wat drückst du?), könnten uns jetzt hier drin hören, mitten im Heuschreckensalat...

***

Vor ein paar Tagen, drüben in Europa, am Lago di Constanza, eine tibetanische Bergrose, stand dort wie angewurzelt, in ihrem Beet, hatte ihr kurzes Hemdchen an, fühlte sich Ende Oktober in Deutschland wie im Hochsommer im Tibet...

...einer austrianischen Bergsteigerin im Himalaya läuft unweit der chinesischen Grenze auf 5.300 Metern Höhe ein tibetisches Kind über den Weg, ein ArbeiterKind.de, von den tibetischen Eltern fortgeschickt, hoch über die Berge, in eine bessere Zukunft, über den Nangpa La und die Grenze hinunter nach Himachal Pradesh, wo es sich nach Dharamsala durchschlagen soll, um dort eine Ausbildung zu kriegen,


"...Du reist durch Tibet,
zwinkerst mit den Kindern
zwischen Wolkentürmen." (jelena)

Namaste, jondoy


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