Auf Reisen

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Louisa

Beitragvon Louisa » 11.08.2011, 16:09

Eine weiße Blüte fällt ins Meer. Ich tauche
und ergreife sie, stecke sie in meine Badehose
und die Sonne küsst meinen Rücken, es brennt.

Ich stelle mir vor: Du mit deinem makelhaften,
perfekten Körper und ich sehe all unsere Kinder,
die wir niemals haben, in deinen Augen.

Ich liebe das Unbekannte der roten Erde,
das Bekannte in meinem Glas. Ich trinke
Wein mit dir unter Pinien und habe Hunger
auf dich, aber lasse dich

bis zum Abendmahl auf den Felsen der Nacht...
Mein Liebster, ich habe die Toten in meinem Mund
gefunden, auch in meinen Augen -

Ich habe Salz auf der Zunge und in meinen Tränen.
Salz braucht man zum Leben! sagst du
und der Mond schwimmt als gelbes Kanu heran.

Ich zeig dir die weiße Blüte
in der Brandung der Zeit
und wir rudern davon.

Gerda

Beitragvon Gerda » 12.08.2011, 12:34

Liebe Louisa,

zu nächst macht es still, dieses Gedicht, ist ergreifend, ziemlich einzig ... und jenem "ich werd dich so vermissen", für mich um Längen voraus. Für mich, weil du hier nachvollziehbare gute Bilder verwendet hast, die sich mir auf einprägsame Art erschließen.
Für mich strahlt dieses Gedicht die Tiefe der Liebe und die Tiefe der Trauer sehr viel direkter (für mich kein Widerspruch) aus. Es erinnert mich an Lyrik vom Feinsten, ist Lyrik vom Feinsten. :daumen:
(Ich hoffe, dass dieser Text nicht auseinandergenommen wird).

Allein die Formulierung: "..., ich habe die Toten in meinem Mund / gefunden", in diesem Kontext, Salz und Meer, ist herausragend, berührt mich und wirkt authentisch wie lyrisch auf mich und keinesfalls zu dick aufgetragen. (ich will den Stimmen vorbeugen, merkst du es) ;-)
Selbst "... und habe Hunger auf dich, aber lasse dich
bis zum Abendmahl auf den Felsen der Nacht ..."
hat nicht einmal den Anflug von Trivialität.

Nur zwei Beispiele, die ich herausgegriffen habe, damit ich dir zeigen konnte, waran ich u. a. mein dickes Lob festmache.
Darin liegt, so glaube ich, die große Kunst des Gedichte-Schreibens überhaupt, "Alltägliches" und/oder auch "Außerordentliches" so auszudrücken, dass es im Kontext auf einer anderen subtilen Ebene ergreift und begreifbar wird.
Nicht einmal, dass nach der Blüte getaucht (Blüten schwimmen) wird (Z1 und 2)stört, ist vielmehr Bild im Bild und ins sich stimmig.

Dir ist hier m. E. etwas ganz Besonderes gelungen, ja ich meine, dein bestes Gedicht überhaupt, von denen, die ich bisher gelesen habe. Sollte ich das schon einmal geschrieben haben, so liegt es daran, dass du m. M. n. immer besser wirst.

Dieses Gedicht war mir heute eine echte Bereicherung und Freude, trotz der Trauer, die es thematisiert. Ja, es hilft mir
Danke, das du es gepostet hast (auch wenn das jetzt nichts direkt zum Text aussagt).

Liebe Grüße
Gerda

Jürgen

Beitragvon Jürgen » 12.08.2011, 12:45

Hallo Louisa,

vorab: Ein wunderschönes, berührendes Gedicht. Es gefällt mir sehr gut.

Mich störte beim ersten Lesen allerdings schon, dass nach der Blüte, die ja wahrscheinlich an der Wasseroberfläche schwimmt, getaucht wird.

Ansonsten: Großartig

Schönes Wochenende

Jürgen

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 12.08.2011, 13:47

Gefällt mir auch! Eine wunderbare Formulierung, wie man nahendes Ende spürt.

Allein das tauchen am Anfang stört mich auch ein wenig - weil man sich fragt, ob nach der Blüte getaucht wird. Für mich wäre es eher ein "Herantauchen" an die Blüte (also Schwimmen unter Wasser, bis man die Blüte greifen kann).

Louisa

Beitragvon Louisa » 12.08.2011, 15:16

Ihr lieben drei!

Bestimmt werde ich gerade wieder rot :smile: ! Ich war mir wie bei allen Texten wieder sehr unsicher, ob das ein guter oder schlechter ist - Aber ich bin freudig überrascht, dass er euch so gut gefällt.

Meine Güte, Gerda :smile: ! Du hast dich ja gar nicht mehr eingekriegt, hihi.... Aber vielen Dank!

Ja, ich sehe das ein mit der Unlogik beim Tauchen nach der Blüte. In meiner Vorstellung ist die Blüte schon etwas länger von den Wellen hin und her geschaukelt worden und dann einfach untegegangen... Ich weiß noch nicht genau wie man das vielleicht besser ausdrücken kann - Mir kam es nur so vor wie das Hinuntergleiten in eine tiefere Ebene - wie in etwas Unbewusstes oder die Seelentiefe... ich stelle mir allerhand darunter vor - unter diesem Tauchen.

So traurig fand ich das Gedicht ja eigentlich gar nicht... Ich finde es irgendwie "natürlich" :smile: ! Das mag ich daran.

Ich überlege mir noch wie man den Anfang verbessert.

Also vielen lieben Dank noch mal!

l

Max

Beitragvon Max » 13.08.2011, 21:42

Liebe Louisa,

mir geht es ähnlich wie Jürgen.

Das Gedicht gefällt mir in sehr vielen Facetten .. das mit der Blüte stört mich aber auich ein wenig.

Liebe Grüße aus der Nässe
Max

Niko

Beitragvon Niko » 13.08.2011, 21:46

ja, louisa!
das ist ein ganz anderer schlag text von dir. den, den ich mag, der bilderreich ist und mich in jeder zeile anspringt und anspricht. das ist wirklich toll!

liebe grüße: niko

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Eule
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Beitragvon Eule » 14.08.2011, 00:39

Hallo louisa, für mich ist da kein logisches Problem, ich las das Verb "tauchen" als ein verkürztes "eintauchen" beim "nachschwimmen".
Ein Klang zum Sprachspiel.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 14.08.2011, 11:13

Hallo Louisa,

ein Gedicht, das für mich starke Passagen hat, aber auch welche, die ich zumindest nochmal anschauen würde.

Ich stelle mir bei deinen Gedichten schon immer deine Stimme dazu vor und versuche so eine Betonung zu finden. Aber mit der dritten Zeile will mir auch das nicht gelingen.
und die Sonne küsst meinen Rücken, es brennt.
Für mein Lesegefühl komme ich bei Badehose an (Punkt) und setze danach frisch ein? Das "und" müsste ich daher stark betonen, um es einzubinden, was für mich aber keinen Sinn macht. Ich würde es daher streichen?
Das Tauchen habe ich als Ein- und wieder Auftauchen bei der Blüte gelesen, sonst könnte die Sonne auch nicht den Rücken küssen?
die wir niemals haben, in deinen Augen.
die wir niemals haben werden?
das Bekannte in meinem Glas.
Hier fehlt mir jetzt ein "und". Denn die rote Erde ist ja nicht das Bekannte im Glas, oder?
bis zum Abendmahl auf den Felsen der Nacht...
Braucht es wirklich die pathetische Nacht und die drei Punkte? Für mich würde zum "natürlichen" Ton des Gedichtes schlicht "bis zum Abendmahl auf den Felsen" besser passen.
Mein Liebster, ich habe die Toten in meinem Mund
gefunden, auch in meinen Augen -

Ich habe Salz auf der Zunge und in meinen Tränen.
Salz braucht man zum Leben! sagst du
und der Mond schwimmt als gelbes Kanu heran.
Diesen Abschnitt finde ich ganz wunderbar.
Ich zeig dir die weiße Blüte
in der Brandung der Zeit
und wir rudern davon.
Das wirkt auf mich unfreiwillig komisch, theatralisch. Die Brandung der Zeit in der Badehose? :o)) Wenn es ein Kanu ist, müsste es "paddeln" heiße und nicht rudern? Mit der Brandung der Zeit geht es mir wie mit den Felsen der Nacht, sie stechen für mich seltsam heraus. Für mich wäre es ohne diese Zeile stimmiger. Rein klanglich würde ich dem "zeig" noch ein "e" gönnen.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)


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