So lang hab ich an dich gedacht ...

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Louisa

Beitragvon Louisa » 12.06.2011, 15:50

So lang hab ich an dich gedacht, so lang - werd ich an dich denken,
so weit bist du in mir wie Gelb im Rapsfeld ohne Ende,
ich hab alles was ich jemals wollte - und kann dir gar nichts schenken.
Aprikosen fallen von den Ästen wie jede ungenutzte Stunde.

Meine Haare werden in der Sonne heller und in der Zeit ganz grau,
mir scheint als ging das immer schneller und du wärst längst vorbei.
Ich füttere seit Wochen schon die Spatzen, denn ich bau
darauf, dass sie dich besuchen mit einem Gänseblumenstrauß.

So lang hab ich an dich gedacht, so lang – werd ich an dich denken,
so dumm mir das erscheint, ich kann es doch nicht ändern.
Die Liebe ist ein langer Sommer und seine Sonne nicht zu lenken,
sie scheint auf mich, auf dich, auf deine Frauen, meine Männer.

Vielleicht sollt ich das mal sagen, vielleicht aber auch nicht,
so braun ist meine Haut geworden, so lange lag ich in der Sonne,
sag, wie soll man sich aufs Heute konzentrieren bei dem Licht?
Alles ist in Zitronenschein getaucht wie bei alten Fotos auch.

Und eigentlich weiß ich ja ganz genau, dass nun nichts mehr kommt,
ich bin schnell auf eine Luftmatratze aufgesprungen,
über mir wehn Weiden hin und her. Sie scheinen dich zu kennen.
Ich bin so leicht, mir ist so schwer.

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Eule
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Beitragvon Eule » 14.06.2011, 14:13

Hallo louisa, mir gefallen die ungewöhnlichen Langzeilen - passend zum Titel. Auch thematisch passen sie zur Schwere eines verlorenen Partners, den schönen Erinnerungen und der Leichtigkeit der Freiheit. Gerne gelesen !
Ein Klang zum Sprachspiel.

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 14.06.2011, 22:04

Liebe Louisa,

ich will es mal mit der guten alten Gedichtinterpretation versuchen, wie wir sie noch hervorzaubern durften, wobei anscheinend Phantasie und Überraschungseffekte wichtiger waren als formale Aspekte.

An Überraschungseffekten mangelt dein Gedicht nicht, es trägt die Marke "Louisa" und inzwischen weiß ich, dass das ein starkes autarkes Markenzeichen ist.

Es arbeitet mit Hin, Hin und Zurück, also in Tanzschriten zum Leser hin, kurz bevor der Leser glaubt, er habe jetzt etwas verstanden, machst du tänzerisch gelungene Schritte zurück. Ein poetischer Tango ...

Und es gelingt dir, diese heitere Melancholie auszudrücken, die so selten und doch so schön ist - dass wir uns gern davon ein wenig ergreifen lassen, Un jeu de séduction ...
Also: der Tanz mit dem Gedicht beginnt : Louisa tritt auf, mit ihrer Art den Anwesenden gleichzeitig ins Gesicht zu sehen und ganz weit weg zu sein:

Louisa hat geschrieben:So lang hab ich an dich gedacht, so lang - werd ich an dich denken,
so weit bist du in mir wie Gelb im Rapsfeld ohne Ende,
ich hab alles was ich jemals wollte - und kann dir gar nichts schenken.
Aprikosen fallen von den Ästen wie jede ungenutzte Stunde..


Ich behaupte jetzt, dass die Aprikosen zwar wunderbare Früchte sind, die durchaus AUCH auf Bäumen wachsen, aber ich würde für einen sanfteren Tangoschritt die Umstellung der "Aprikosen " vorschlagen, bitte das nicht als harschen Eingriff verbuchen, sondern nur als kleine tänzerische Gegenbewegung, sonst klappt das mit dem Tanz ja nicht .. .

deshalb: Von den Ästen, wie jede ungenützte Stunde, fallen Aprikosen " vielleicht passt das gar nicht zum Rest, abre schön find ich diese Bewegung dennoch,, Es geht weiter: wie es sich gehört, weicht nun der Leser zwei Schritte zurück.


Louisa hat geschrieben:Meine Haare werden in der Sonne heller und in der Zeit ganz grau,
mir scheint als ging das immer schneller und du wärst längst vorbei.
Ich füttere seit Wochen schon die Spatzen, denn ich bau
darauf, dass sie dich besuchen mit einem Gänseblumenstrauß..


Hier gefallen mir die Enjambements ganz besonders, bauen ist ein schönes Wort ... Poetin und Leser geraten in eine elegisch langouröse Tanzhaltung, sehr aufrecht, als würden beide gleich umfallen, diese Strophe befindet sich gerade noch in schwebendem Gleichgewicht ... wegen des Straußes ... ich finde immer besonders schön, wenn Frauen Sträuße (und keine Körbe) verteilen ...

Louisa hat geschrieben:So lang hab ich an dich gedacht, so lang – werd ich an dich denken,
so dumm mir das erscheint, ich kann es doch nicht ändern.
Die Liebe ist ein langer Sommer und seine Sonne nicht zu lenken,
sie scheint auf mich, auf dich, auf deine Frauen, meine Männer..


Die Schönste Strophe, denkt der Leser - nur fühlt ersich jetzt etwas einsamer als zuvor, all diese Männer, all diese Frauen ...

Louisa hat geschrieben:Vielleicht sollt ich das mal sagen, vielleicht aber auch nicht,
so braun ist meine Haut geworden, so lange lag ich in der Sonne,
sag, wie soll man sich aufs Heute konzentrieren bei dem Licht?
Alles ist in Zitronenschein getaucht wie bei alten Fotos auch..


Das Zitronensaure soll wohl an das Wort der Woche gemahnen ... ;)

Louisa hat geschrieben:Und eigentlich weiß ich ja ganz genau, dass nun nichts mehr kommt,
ich bin schnell auf eine Luftmatratze aufgesprungen,
über mir wehn Weiden hin und her. Sie scheinen dich zu kennen.
Ich bin so leicht, mir ist so schwer.


Hier endet der schöne Taumel ...

Du siehst, bis auf den Wink mit den Aprikosen habe ich diesen poetischen Tanz sehr genosssen, hab schon lang nicht mehr so schön Poesie und Tanz erlebt ...

liebe Grüße aus Avrainville
an einem der letzten Tage
der Rosenstrauß stand auf einem kleinen Beitisch im Garten, direkt neben dem Rosenbusch

Renée

Gerda

Beitragvon Gerda » 15.06.2011, 15:55

Liebe Louisa,

ich finde den letzten Satz eigentlich am gelungensten, in seiner schlichten Aussage, die meine Vermutung des großen Verlustes durch Tod bestätigt.
Aber hier:
Louisa hat geschrieben:So lang hab ich an dich gedacht, so lang - werd ich an dich denken,
so weit bist du in mir wie Gelb im Rapsfeld ohne Ende,

Vielleicht lese ich deinen Text zu ernsthaft, oder es ist wirklich eine bitter ironische Passage gleich zu Beginn.
Wenn man an jemanden denkt soweit das "Gelb des Rapsfeldes reicht", ist das "An jemanden Denken", einer Begrenzung unterworfen. Begrenzt von der zeitlichen Verortung, weil das Gelb vergeht und auch räumlich begrenzt, da das Feld Anfang und Ende hat. Ich dachte eingentlich dass der Text von der Unvergänglichkeit der Liebe trotz Tod handele.
Was lese ich falsch?
Es sind ein paar, Louisa-typische Spielereien (Apriokosen, Sommerbräune, Luftmatratze) drin, die wahrscheinlich, das Alltägliche symbolisieren, life still goes on. Wirklich neu ist der Gedanke, dass die Liebe eine langer Sommer ist, ja nicht. (Im Sommer blüht übrigens kein Raps mehr). Nun gut, dass die Sonne nicht zu lenken ist, wirkt in diesem Kontext wieder frisch.
So rundum warm werde ich mit diesem Text nicht, finde auch hier schwierig diesen Text als "Lyrik" zu betrachten, denn da fehlt mir schlicht ein ausgewogener Rhythmus, eine tragendere Funktion der Zeilenumbrüche.

Aber es sind viele Passagen darin, die ich gelungen finde und sehr gern gelesen habe.:-)

Liebe Grüße
Gerda

... die keinen Tangoschritt hört, sondern eher einen leichten Anklang an die Leidenschaft des Fado Português ;-)


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