Wortbruch

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 18.01.2011, 22:05

Kühen gleich auf der Matte.
Ungeschicktes entspringt dem Mund,
kälbchenhaft, mit dicken Gelenken -
Wortstummel, vierfach zerdaut.

Auf still gestellte Gesichter.
Aber die Wülste über den Augen?
Niedertracht, die Wirbel dieser Rotgescheckten!
Lüg nicht! Wie lange schon -

Widerborstige, knochige Scheitel.
Grasgesättigter Blick. Salzblöcke. Rund-
gerieben von fleischigen Zungen.
Schwer gefallenes Denken.

keinsilbig

Beitragvon keinsilbig » 23.01.2011, 12:28

wieder so ein "räuber-kneißl-text", wie er mich auf eine ganz besonders einmalige art "findet"!


es ist schon etwas sehr archaisches und naturgewaltiges, wenn man sich auf hochalmen, so unterm vieh (als senn zum beispiel - oder auch, wenn man sich als "stadtkind" mal länger als nur für eine tageswanderung dem lebensgefühl da oben anvertraut und öffnet) sich mit diesem plötzlich "auf einer ebene" befindet. das jedenfalls, dieses gefühl, spricht dein text, räuber kneißl, für mich ganz stark an.

da fallen sätze, aus sorgfältig und gründlich zerdauten gedanken geboren, ähnlich schwer auf matten. ähnlich "natürlich" und gemächlich, jedoch mit urkraft zerrieben und daher nahrhaft für das große ganze. nachhaltig. und niemals unnötig - auf jeden fall aber sparsam, ökonomisch. da wächst zwischen den gesättigten blicken unter knochigen scheiteln die eigene widerborstigkeit, die im tal, in der großstadt, im alltag, sonst keine berechtigung mehr hat (verursacht sie doch dort reibereien, die keinen raum haben).

da schmeckt man das salz wieder, hört das reiben der fleischigen zungen und spürt nach.

lüg nicht!

wie lange schon... hat man sich da unten selbst belogen? um einen teil der eigenen natur betrogen?
still gestellte gesichter - das eigene spiegelbild sieht man - im einzigen spiegel, der da ist. spürt den eigenen wirbeln nach, vielleicht auch solchen, die man an einem gegenüber wohl gefühlsmäßig erkannt hat, aber nicht benennen konnte. ("immerhin gehört sich das doch nicht unter zivilisierten menschen!"). das eigene gesicht plöztlich stillgestellt - aus mangel an gesichtern, die man selbst spiegeln könnte. wülste, stummeliges, widerborstiges, knochige scheitel, wirbel,.... nachspüren am eigenen körper. kälbchenhaft wieder.

das ist es, was die almen mit uns menschen machen. zumindest empfinde ich es so. ich habe es nur noch nie so verworten können. das hat ja jetzt ein räuber für mich getan. besser als ich es je vermocht hätte. ein text, archaisches gefühl, plastisch gradezu und haptisch bis unter den eigenen knochigen scheitel! die sprache - so, wie in der letzten zeile - fällt schwer - auf fruchtbare matten. das endgefühl: sättigung. und ruhe. tief innen!

und der titel, wie auch viele der formulierungen herrlich mehrfach-lesbar! jedes wort mit bedacht zerrieben und gewählt. sprache und inhalt werden aber sowas von eins! DAS hebt diesen text für mich in eine ganz eigene liga. respekt!

sehr intensiv und voller kraft! gernst gelesen!

lg,

keinsilbig

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 25.01.2011, 21:56

Hallo keinsilbig,
das sind ja elogische Worte geworden! Das Alm-Bild hat dich offenbar sehr berührt, das finde ich nett. Tatsächlich finde ich sehr, dass Kühe außer im tiefsten Winter auf Weiden gehören, alles andere ist in meinen Augen Tierquälerei. Für das Gedicht sind die Tierchen Bild, im wesentlichen für das, was zwischen zwei Menschen so passiert, wenn die Worte / das Wort zerbrochen ist.
Vielen Dank für die Reaktion,
Grüße
Franz

Gerda

Beitragvon Gerda » 26.01.2011, 20:53

Guten Abend Franz der Räuber ;-)

Räuber Kneißl hat geschrieben:Für das Gedicht sind die Tierchen Bild, im wesentlichen für das, was zwischen zwei Menschen so passiert, wenn die Worte / das Wort zerbrochen ist.


Klasse!
Solche Bilder lasse ich mir für ein "Gefühlsgedicht" im wahrsten Sinne gern gefallen. Hier reichen die Worte weit über Betroffenheit und den Tellerrand hinaus und erlangen dramatische Allgemeingültigkeit.

Sehr gern gelesn.

Liebe Grüße
Gerda


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