Es ist drei Uhr morgens. Allmählich wird es Zeit fürs Abendessen. Ich gehe in die Küche. Zwei Dinge fallen mir sofort ins Auge. Erstens ist das Spülbecken voll mit schaumigem Wasser, obwohl weit und breit kein Geschirr zu sehen ist. Auf der Ablage, wo es gewöhnlich steht, steht stattdessen zweitens eine Gruppe von dutzenden etwa daumenlangen Figuren. Beine, Körper und Köpfe sind offenbar aus rohem Hackfleisch geformt; als Arme haben sie Zwiebelstückchen. Mett-Menschen, schießt es mir durch den Kopf. Mettchen.
Ehe ich mich darüber wundern kann – aber wundert mich das überhaupt, frage ich mich? Wundert mich überhaupt noch etwas? Ehe ich darüber nachdenken kann, ob mich das wundert, und ob mich überhaupt noch etwas wundert, kommt Bewegung ins Spülbecken. In einer großen Welle bricht Cthulhu durch die Wasseroberfläche.
„UAAAAAAAA!“, ruft er, dann, mit einer piepsigen Stimmlage, die ich ihm gar nicht zugetraut hätte: „Neeeeiiin!!!“
Zwei Tentakel schnellen vor, greifen sich zwei der Figuren und drücken sie ruckartig zusammen, sodass sie zu einer amorphen Masse verschmelzen. Ich höre die Zwiebelarme knacken. Dann verschwindet der Klumpen im Gewimmel der Fangarme.
Mein Appetit ist mir schlagartig vergangen. „Was zum Geier machst Du da?“
„Was ich halt so mache.“ Die Tentakel bilden kleine Kringel und scheinen sich hintereinander verstecken zu wollen. Verlegenheit, vermute ich.
„Aus dem …“ Ich zögere. „… Meer auftauchen und Leute fressen?“
„Genau.“ Cthulhu rülpst. Dabei fliegen einige Seifenblasen durch die Küche. „Willst Du auch welche?“
„Nee“, sage ich, „ich bin doch Veganer.“
„Ach ja? Naja, ich komme ja auch vom Aldebaran.“ Er überlegt. „Auf Vega war ich nicht so oft. Aber irgendwie hab ich die Leute dort größer in Erinnerung.“ Er schnappt sich zwei weitere Mettchen. „Und knuspriger.“ Geräuschvoll schmatzend fährt er fort. „Ich glaube, Nyarlathotep, das kriechende Chaos ist von da. Aber der sieht deutlich anders aus als Du. Er ähnelt mehr deiner Wohnung. Du wirkst eigentlich eher wie ein Erdling.“
„Ich meine nicht, dass ich von der Vega komme. >Veganer< heißt, dass ich keine Tierprodukte esse.“
„Ach so. Naja, ich auch nicht.“ Er schaut auf seine Mettchen. „Eigentlich. Aber für den Bedarfsfall ist Schwein ein adäquates Substitut für Mensch. Ähnlich intelligent. Und ähnlich leidensfähig.“
Er fährt über die ersten Reihen wie ein Rasenmäher. Als er den Kopf wieder hebt, ist ein knappes Dutzend der Figuren verschwunden.
„Menschenfleisch ist definitiv nicht vegan.“ Ich bin hungrig. Wenn ich hungrig bin, bin ich schlecht gelaunt. Und wenn ich schlecht gelaunt bin, werde ich mutig. „Woher kommen eigentlich die“ – ich lasse den Blick über die Spüle schweifen – „10 Pfund Mett?“
„Aus dem…“ setzt Cthulhu an, als ich ihn unterbreche. „Und sag jetzt nicht >Aus dem Kühlschrank.< Wie sind sie da rein gekommen?“
„Warst Du nicht gestern Nachmittag einkaufen?“
„Aber bestimmt kein Hackfleisch! Ich bin Veganer.“
Cthulhu schweigt. Ich überlege. „Hat das was mit den zehn Minuten von meinem Einkauf gestern zu tun, an die ich mich nicht mehr erinnere?“
Cthulhu schweigt noch immer. Ich schaue in die glasigen roten Augen. Ich erinnere mich dunkel, dass ich eine Frage hatte. Aber irgendwie habe ich vergessen, worum es ging.
Cthulhu umschlingt Kopf und Beine eines der Männchen mit je einem Tentakel, reißt es in der Mitte auseinander und schluckt es herunter. Ich spüre, wie mir dabei irgendetwas ins Kaltes ins Gesicht spritzt. Ein Teil davon landet auf meiner Unterlippe. Automatisch fahre ich mir mit der Zunge darüber.
Erst jetzt fällt mir auf, dass Mettmännchen ja normalerweise nicht bluten. Andererseits, denke ich mir, fehlt mir für so ein Urteil eigentlich die Datengrundlage. So oder so, der Geschmack kommt mir bekannt vor.
„Die haben jetzt nicht im Ernst alle ein integriertes Ketchup-Reservoir, oder?!“
Die Tentakel zucken leicht. „War schon eine ziemliche Fummelei,“ erwidert Cthulhu, „aber es hat sich gelohnt. Macht einfach viel mehr Spaß so. Hast Du richtig gut gemacht.“
„Ich?!“, rufe ich. Stutze. Und überlege. „Hat das etwas mit den 3 Stunden von gestern Abend zu tun, an die ich mich nicht erinnere?“
Cthulhu schweigt beharrlich weiter. Er reißt einer Figur den Kopf ab, einer anderen die Beine und lässt beide schmatzend verschwinden. Ich komme gerade richtig in Fahrt. „Es ist schlimm genug, dass Du in meinem Kopf redest,“ schimpfe ich. „Aber Du kannst nicht einfach meinen Körper übernehmen!“
Mir wird schwarz vor Augen. Als es wieder hell wird, bin ich nur noch ein paar Zentimeter groß und stehe zwischen den Mettfiguren. Cthulhu, etwa um das Zehnfache größer als ich, ragt vor mir auf.
„Sagtest Du was?“
Nur ruhig, denke ich mir. Das ist nur eine Wahnvorstellung. Unwillkürlich weiche einen Schritt zurück. Dabei stoße ich an die Figur hinter mir. Sie fällt um, trifft die nächste. Die ebenfalls kippt. Gegen die nächste. Nach ein paar Augenblicken liegen zehn der Figuren auf dem Boden.
„Reife Leistung,“ meint Cthulhu. „So viele habe ich bisher noch nicht auf einmal erwischt. Dabei habe ich viel mehr Arme als du.“ Wie zur Veranschaulichung lässt Cthulhu eine nicht mehr überschaubare Anzahl davon vorschießen. Ketchup spritzt, Zwiebelstücke krachen, und einen Moment später ist da, wo gerade noch meine Reihe gefallener Mett-Dominos lag, nur noch ein roter Fleck.
„Aber zurück zur Sache,“ fährt Cthulhu schmatzend fort. „Mir war so, als hätte ich gerade etwas von dir gehört. Irgendwas über deinen Körper, glaube ich?“
„Nicht so wichtig,“ gebe ich zurück. „Hat sich erledigt.“
„Das ist gut. Ich wollte dich ohnehin gerade bitten, dich um die Musik zu kümmern.“
„Die Mus….?“
Cthulhu hebt ein weiteres Männchen hoch und schüttelt es. Ich verstehe.
„AAAAAAHHH! Bitte nicht!“, schreie ich. Dem Männchen fällt der Kopf herunter. Ich verstumme. Der abgetrennte Mettkopf rollt mir vor die Füße. Im nächsten Moment stehe ich wieder an meiner ursprünglichen Position. In meiner gewohnten Größe.
„Soll ich noch mal oder machst Du freiwillig weiter?“
„>Freiwillig< würde ich das jetzt nicht nennen.“, erwidere ich. Rasch füge ich noch ein „Iiiiiiih!“ hinzu, während Cthulhu eines der Männchen platt drückt und daran wie an einem Fladenbrot knabbert.
„Warum machst Du das eigentlich?“, frage ich schließlich. „Diese Menschfresserei, meine ich. Ist doch irgendwie fies.“
„Fies?“ Cthulhu schaut mich mit großen Augen an. Darunter werfen die Tentakel chaotische Knoten. Habe ich so bei ihm auch noch nicht gesehen, denke ich. Vermutlich Verwirrung.
„Was soll daran so schlimm sein, Menschen zu fressen? Was glaubst Du, würde passieren, wenn Du das tätest?“
„Ich hätte ein schlechtes Gewissen.“
„Und?“
„Und … könnte nicht mehr schlafen.“
„Du kannst also nicht schlafen, wenn Du Menschen isst?“
„Genau“
„Komisch. Bei mir ist es genau umgekehrt.“
„Umgekehrt?“
„Ja. Ich kann keine Menschen fressen, wenn ich schlafe.“
Cthulhu fährt sich mit den Tatzen über die mit Mettresten und Ketchup verschmierten Fangarme.
„Nach einer guten Mahlzeit dagegen klappt das ganz hervorragend. Und ihr seit wirklich echte Leckerbissen. Es kann doch jeder selbst entscheiden, was er essen will. Leben und leben lassen, sage immer.“
Vier weitere Männchen werden von der Spüle gerissen. Cthulhu jongliert mit ihnen, bis sie auseinanderfallen. Ich tue mein Bestes, Todes- und Verzweiflungsschreie in vier verschiedenen Tonlagen hervorzubringen.
„Außerdem ist es ungesund, nur Tiere und Pflanzen zu essen. Wo soll ich meine Schwermetalle hernehmen? Allein das ganze Zeug, was ab und zu zwischen Zähnen hängenbleibt -- Hüftprothesen, Herzschrittmacher und Zahnfüllungen und so -- deckt 90 Prozent meines Tagesbedarfs an Blei, Cadmium und Quecksilber.“
Irgendwie läuft das Gespräch in eine ebenso vertraute wie merkwürdige Richtung. Ich beschließe, noch einmal neu anzusetzen. „Wenn Du einen Menschen frisst, stirbt er. Das ist dir schon klar, oder?“
Cthulhu winkt ab. Mit einigen Dutzend Tentakeln simultan wirkt das nochmal ganz anders, denke ich. „Irgendwann sterben die doch eh. So kurz wie ihr lebt, seid ihr im Grunde die ganze Zeit schon tot. Das ist halt die Natur. Und die Leute, die ich mir schnappe, hatten es doch gut, sie konnten frei draußen herumlaufen, Artgenossen treffen, sich artgerecht ernähren...“
„Und Du meinst, wenn jemand gut lebt, kann man ihn ruhig töten?“
Wieder diese Knoten in den Tentakeln. Cthulhu wirkt verwirrt. „Man kann alles töten, egal wie es lebt,“ sagt er. „Entscheidend ist nur, dass es lebt.“ Er hält kurz inne. „Aber wenn dir so viel am Leben liegt -- weißt Du wie viele Menschen es inzwischen gibt? Wo sollen die denn alle hin, wenn die keiner mehr frisst? Wenn die sich unbeschränkt vermehren, fressen sie alles kahl! Und dann sterben sie ohnehin aus.“
„Du meinst also, Du erhältst die Menschheit am Leben, indem Du dich von ihr ernährst?“
„Ganz genau.“ Cthulhu fegt einige abgetrennte Mettchen-Gliedmaßen zu einem kleinen Haufen zusammen und schiebt ihn sich in den Rachen. „Ihr solltet mir dankbar sein.“
„Unser nicht nachhaltiger Ressourcenverbrauch ist schon ein wichtiger Punkt,“ antworte ich, „nur würde ich ihn eher für eine vegane Ernährung ins Feld führen als für Kannibalismus. Da ist für mich einfach eine … rote Linie.“
Ich schaue auf einen breiten Streifen Ketchup-Blut, der sich über die Spüle zieht. Nicht die glücklichste Formulierung, irgendwie.
„Ach was! Wenn Du auf einer einsamen Insel stranden würdest, und die einzige Nahrungsquelle dort wäre dein bester Freund, der zufällig auch da ist, würdest Du ihn dann etwa nicht essen?“
„Auf keinen Fall!“, gebe ich entsetzt zurück, „Da würde ich eher verhungern!“
Cthulhu schweigt. Er wirkt verdutzt. „Umso besser“, meint er schließlich. „Bleibt mehr für mich.“
Von den Mettmännchen sind nur noch drei übrig. Die Spüle, das Fenster daneben, die Wände und der Boden sind mit roten Spritzern übersät. Ich beschließe, noch einen letzten Anlauf zu unternehmen.
„Der beste Weg zum Veganismus ist es, Empathie und Wertschätzung für seine Mitgeschöpfe aufzubringen. Versuch es doch mal!“
Cthulhu schnappt sich die verbleibenden drei Mettmenschen mit je einem Tentakel und hebt sie vor seine starren, roten Augen. Er scheint angestrengt nachzudenken.
„Wertschätzung!“, ermutige ich ihn.
Stille.
„Danke, dass ihr das ganze Protein gesammelt habt.“, meint Cthulhu schließlich. „So kann es jetzt dahin, wo es hingehört.“
Damit schlingt er die drei herunter.
Einen Versuch war es wert.
Der Cthulhu-Zyklus, Episode 4.8: Ernährung
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