Der Cthulhu-Zyklus, Episode 6.2: Ronja

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 03.09.2026, 21:43

Ich sitze am Fenster im Zug nach Kopenhagen, Cthulhu auf dem Platz neben mir. Kurz nach der Sache mit meinem Nachbarn hat er sich in sein Lego-R'lyeh in der Badewanne zurückgezogen und ist eingeschlafen. Vielleicht ein Verdauungsschläfchen – das jetzt immerhin schon fast drei Wochen dauert. In der Zwischenzeit habe ich mich schon fast wieder daran gewöhnt, dass die einzige Stimme in meinem Kopf meine eigene ist. Und dass das, was ich sehe, überwiegend wirklich da ist. Ich hatte sogar ein paar Träume, die keine Alpträume waren.

"Sorry, ist der Platz noch frei?"

Ich schaue von meinem Buch auf. Vor mir steht eine Frau mit roten Haaren, braunen Augen und einem Lächeln, wie – ich bin mir sicher, sie schon einmal irgendwo gesehen zu haben.

Sie schaut mich noch etwas genauer an. "Sag mal, irgendwie kommst Du mir bekannt vor..."

"Ronja! Von Tinder!" fällt es mir in dem Moment ein; im nächsten Moment fällt mir ein, dass ich das jetzt nicht unbedingt laut hätte sagen müssen.

"Ja genau! Da habe ich dich gesehen, aber dann warst Du plötzlich weg."

"Öh...", antworte ich, während ich versuche, Cthulhu möglichst unauffällig hinter meiner Tasche verschwinden zu lassen. "Ja, die App ist mir ..." In dem Moment, in dem ich die Tasche absetzen will, schwankt der Zug; die Tasche stößt gegen ihn und er fällt vom Sitz. "... abgestürzt." Im Multitasking war ich noch nie gut.

"Dir ist das was runtergefallen!", meint Ronja, und bückt sich. Ehe ihre Hände auch nur in die Nähe von Cthulhu kommen können, greife ich zu, hebe ihn auf und stelle ihn auf den Tisch. Seine Atemzüge gehen weiterhin gleichmäßig. Er schläft.

Noch.

"Oh, wen haben wir denn da?" Ich versuche, nach einem passenden Vergleich für den Anblick ihres Lächelns zu suchen, doch mein Versuch wird vom Anblick ihres Lächelns vereitelt. Sie lächelt wie Ronja, ist das einzige, was mir einfällt. Damit habe ich leider wertvolle Zeit verschwendet, um eine passende Antwort auf ihre Frage zu finden. Mit einem tentakelbewehrten Plüschmonster zu reisen ist nicht gerade ein Attraktivitäts-Booster. "Irgendwas, was jemand hier vergessen hat", erwäge ich noch und "Ein Geschenk für meinen Neffen", kommt aber nicht dazu, etwas davon auszusprechen.

"Wie cool! Das ist ja Cthulhu! Ich wusste gar nicht, dass es den als Stofftier gibt! So einen will ich auch! Ist das etwa deiner?"

"Klar!", sage ich. "Auch wenn er wohl eher glaubt, dass ich seiner bin."

Sie kichert. Score, denke ich. Und komme mir dabei sehr albern vor. Was mich gerade überhaupt nicht stört.

"Verstehe.", sagt sie. "Der Beziehungsstatus ist >kompliziert<, was?"

"Das könnte man durchaus so ausdrücken."

Ronja schaut auf Cthulhu. "Und was sagt er dazu?"

"Nichts sagt er," sage ich. "Der schläft."

Ihre Miene hellt sich auf. "Ach stimmt ja. In R'lyeh, nicht? Wie neulich in meiner Rollenspielgruppe. Kennst Du dieses Cthulhu-Rollenspiel, wo man anstelle von Lebensenergie geistige Stabilität hat und das Hauptproblem darin besteht, nicht wahnsinnig zu werden?"

"Ja", sage ich. "Kenn ich."

"Da haben wir neulich mal eine Kultistengruppe gespielt. Es ging darum, ihn aufzuwecken."

"Aha. Klingt nicht wie so eine gute Idee."

"Naja, stimmt." Sie lacht. "Aber für einen Kultisten halt schon."

"Wie ist die Sache denn ausgegangen?"

"Weiß gar nicht mehr genau." Während sie nachdenkt, streicht sie sich eine rote Strähne aus dem Gesicht. "War so eine Einmalkampagne, weil wir ein paar Neulinge dabei hatten. Ich glaube, wir wurden alle gefressen. Kurz, nachdem wir diese Formel aufgesagt hatten."

Sie überlegt. Dann fährt sie mit mit feierlicher Stimme fort: "Phngluimwfgnaf..."

"Neeeiin!", rufe ich dazwischen, aber zu spät.

"Cthulhu wgnagl fhtagn!" beendet Ronja ihren Satz.

Ich halte den Atem an. Und lausche auf Cthulhu.

Nichts geschieht.

"Hey, kann ich mich jetzt eigentlich zu dir setzen?"

"Uaaaaaaaaaahhhh..." Wenn ein schwarzes Loch gähnen könnte, müsste es wohl etwa so klingen.

Ronja ist ein Stück zurückgewichen. "War die Vorstellung jetzt so schlimm? Du schaust ja, als hätte ich angeboten, dich abzustechen..."

"Nee, passt schon," sage ich. Ich ringe mir ein Grinsen ab und deute einladend auf den Platz neben mir -- dorthin, wo eben noch Cthulhu gesessen hat. "Ich dachte nur, ich hätte ihn gähnen gehört."

"Wen?"

"Na, ihn."

"Ach so, IHN." Sie setzt sich neben mich, lehnt sich ein wenig zu meiner Seite herüber (ich spüre ihre Schulter leicht an meiner!) und krault Cthulhu mit schlanken, glatten Fingern am Tentakelbart.

"RAAATT-SSSCHÜ".

Dieses Geräusch ist einfach unbeschreiblich. Die letzte Metapher fortzusetzen, verbietet sich. Schwarze Löcher können vieles – aber definitiv nicht niesen.

"Gesundheit", sage ich.

Ronja schaut mich irritiert an. Ich blicke auf Cthulhu. Sie lässt den Blick zwischen uns hin- und herwandern.

"Ach so," meint sie dann, "ER hat geniest, was?" NOCH ein Lächeln! "Dududu", macht sie, und tätschelt Cthulhu den Kopf. "Du bist wohl kitzelig?" Bei den letzten Worten trommelt sie ihm mit den Fingerspitzen auf den Bauch.

"WAS ZUM...." Cthulhus Stimme explodiert in meinem Kopf; es fühlt sich an, als würde er platzen. Zum was eigentlich, frage ich mich unwillkürlich. Zum Henker? Zum Teufel? Wohl kaum. Die hält er vermutlich beide für Weicheier. Zum Cthulhu wahrscheinlich.

"CTHULHU" dröhnt es. Was auch sonst.

Ronja streicht noch einmal über die Tentakel. "Na, bist Du wach? Du bist ja ein Süßer, ein ganz Süßer!"

"ICH BIN NICHT SÜSS!" Die Tentakel zappeln wild durcheinander und wickeln sich dabei um Ronjas Finger. Das ist mal was Neues, denke ich. Cthulhu scheint mit der Situation überfordert zu sein.

"Du bist ganz weich und plüüüüschig!" Ronja krault Cthulhu mit beiden Händen den Rücken. Die Fledermausschwingen falten sich kurzzeitig auf, wie um den Weg freizumachen. "BIN ICH NICHT!"

Ronja nimmt Cthulhu auf den Arm und tätschelt ihm den Kopf."Ohhh, ist der goooooldig!"

Nie habe ich die Tentakel in einem solchen Chaos gesehen. Er scheint selbst nicht mehr zu wissen, welches wohin gehört. "Das ist doch..." –

"goooldig" Ronja fährt mit den Fingern durch die Furchen auf Cthluhus Kopf.

Die roten Augen richten sich auf mich. "Jetzt sag doch auch mal was!"

"Naja," sage ich. "Eigentlich ist er ja eher grünlich."

"Was Dümmeres ist dir wohl nicht eingefallen!", hallt es in meinem Kopf.

Immerhin: Ronja hält inne. "Stimmt," meint sie. "aber in Gold wäre er auch nicht schlecht."
Damit setzt sie Cthulhu zurück auf den Tisch. "Der ist echt der Wahnsinn."

Cthulhus Tentakel richten sich an den Spitzen leicht auf und wippen. Er wirkt geschmeichelt. "Wo sie recht hat..."

"Du aber auch", erwidere ich, ohne groß darüber nachzudenken.

Im nächsten Moment ziehe ich meine Jacke zu. Die Temperatur im Abteil ist schlagartig um 10 Grad gefallen.

"Du sollst keinen Wahnsinn neben mir haben!" Die Tentakel hängen Cthulhu wie Eiszapfen am Kinn. Diesen Ausdruck kenne ich nur zu gut.

"Wow, Danke." Ronja wirkt leicht verlegen. "Ich heiße übrigens wirklich Ronja. Bei diesen Dating-Apps verwenden ja die meisten einen falschen Namen. Aber ich habe mir gedacht, wenn das so viele machen, kann ich auch meinen richtigen nehmen, dann kommt eh niemand darauf, wie ich heiße. Und Du?"

"Ist das nicht die, die wir neulich schon nach links gewischt hatten?", dröhnt es in meinem Kopf.

"Das geht dich gar nichts an. Das fehlt mir jetzt noch, dass Du dich einmischst./mir dazwischen quatschst."

"OK, OK..." Ronja hebt beschwichtigend die Hände. "Datenschutz ist dir echt wichtig, oder?"

"Nein, nein, sorry", beeile ich mich zu widersprechen. "Quatsch! Ich heiße..."

"Richtig. Das war der Abend, an dem später noch diese eine vorbeigekommen ist, die bei deinem Anblick gleich wieder kehrtgemacht hat. Wie hieß die noch mal?"

"Rosalinde", antworte ich, "aber das tut jetzt echt nichts zur Sache!"

Das Lächeln weicht einem eher skeptischen Gesichtsausdruck. "Echt jetzt? Rosalinde?" Dann hält sie inne. "Ich meine, sorry, wenn Du dich so identifizierst, ist das natürlich voll OK... Ich halte auch nichts von so etablierten Geschlechterrollen..."

"Ich auch nicht", sagt Cthulhu, "die..."

"Ja ja, die schmecken eh alle gleich," ergänze ich. Den Spruch habe ich inzwischen oft genug von ihm gehört.

Ronja schaut verdutzt, dann grinst sie anzüglich. "Also nach meiner Erfahrung gibt's da schon Unterschiede... Aber das ist jetzt echt kein Thema für den Zug. Wollen wir uns vielleicht mal woanders treffen?"

Gleichzeitig sagt Cthulhu in meinem Kopf: "Die ist echt nett, was? Ich glaube, von der sollte mir mal eine ... Scheibe abschneiden."

"Hör mit dem Scheiß auf! Du schneidest gar nichts von ihr ab!", kommt es mir auf die Lippen, doch das schlucke ich im letzten Moment herunter. "Klar, gerne," sage ich stattdessen, und bin dabei ein bißchen stolz auf mich. Diese Runde geht an mich.

Moment mal, denke ich. Habe ich Cthulhu gerade gesagt, dass er sich gerne eine Scheibe von Ronja abschneiden kann?

"OK, cool." fährt Ronja fort, ehe ich Zeit habe, darüber nachzudenken. "Hast Du eine Idee, wo? Vielleicht mal ins Kino oder so?"

"Wo haben wir eigentlich mein schönes Lego-R'lyeh?" will Cthulhu plötzlich wissen. "Ist das auch im Rucksack?"

"Nein!", erwidere ich. "Zu Hause. In der Badewanne!"

"Hui!" Ronja schaut mich mit großen Augen an. "Du gehst ja ran." Sie rückt ein Stück zur Seite. "Vielleicht erst mal 'n Kaffee trinken?"

"Ach ja, stimmt. Aber das ist echt zu eng für eine ganze Stadt. Ich brauche mehr Platz. Aber natürlich muss es unter Wasser bleiben. Wenn wir das Parkett mit Müllsäcken abdichten... könnten wir dann nicht die Küche fluten?"

"Vergiss es!", rufe ich, bemüht darum, entschlossen und autoritär zu klingen. "Badewanne oder Du kannst draußen bleiben."

"Äh... hallo? Sonst noch!?" Der belustigte Unterton ist aus Ronjas Stimme verschwunden. Sie wirkt ernsthaft angefressen.

"Sorry," stammle ich, "ich meinte ... also, das war ..."

"Boah, sieht die lecker aus. Vergiss das mit der Scheibe. Ich glaube, ich schlucke sie einfach am Stück herunter."

Es reicht, denke ich. "Jetzt halt' endlich deine dumme Tentakelfresse!"

Habe ich das gerade schon wieder laut gesagt? Muss ich wohl, denn Ronja sieht mich entgeistert an.
"Geht's noch?!" Sie springt auf. Ehe ich etwas erwidern kann, fährt sie fort. "Nein, sag nichts. Ist mir ehrlich gesagt egal, ob ES geht. Aber ICH gehe jetzt ganz sicher. Ich ... wollte hier eh raus."

Der Zug hält. Ronja bewegt sich auf die Abteiltür zu.
"Warte", rufe ich, "das ... " Ein Versuch, die Situation zu erklären, verbietet sich offenbar. "das ... war nicht so gemeint!"

Ronja dreht sich nicht um. Aber sie hält inne.

Ich spüre noch, wie Cthulhu die Kontrolle übernimmt. Dann wird mir schwarz vor Augen. Als ich wieder zu mir komme, sehe ich aus dem Zugfenster, wie Ronja sich mit schnellen Schritten über den Bahnsteig entfernt und bisweilen nervös über ihre Schulter schaut.

Ich könnte aufspringen, hinterher laufen, ihr alles erklären. Ich könnte Cthulhu einfach hier sitzen lassen. Soll er sonstwohin fahren, im Fundbüro landen und irgendwann an einen Pechvogel versteigert werden, der ihn haben will.

Leider kann ich mich nicht rühren.

"Vergiss es," donnert die vertraute Stimme. "Die sind wir los."

Cthulhu streckt sich. "Ich habe echt lange geschlafen. Hat mir gut getan."Die Tentakel verflechten sich ineinander und drücken sich durch; es sieht aus, als knacke jemand mit den Fingern. Nur das Geräusch fehlt.

"Ich fühle mich so stark wie nie zuvor."

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