Cthulhu-Zyklus, Episode 4.7: Rote Tinte

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 14.10.2026, 23:01

Manchmal gehen zwei Tage erstaunlich schnell vorbei.

Ich wache mit dem Kopf auf der Tischplatte auf. Das erste, was ich rieche, ist der Modergeruch der toten Krähe. Wie sich herausgestellt hat, wollte Cthulhu sie nicht als Snack, sondern als >Lufterfrischer<. Jetzt hängt sie an einem Faden von der Decke. Ab und zu fallen Federn auf den Tisch. Ich öffne die Augen. Vor mir steht der Laptop, auf der Tastatur sitzt Cthulhu.

„Ah!“ Cthulhu zieht genussvoll die Luft ein; die Tentakel wölben sich wie ein vom Wind gebauschter Vorhang nach innen. „Das waren mal wieder ein paar wirklich produktive Stunden. Mit deinem Gehirn kann man richtig was anfangen.“

Ich erinnere mich dunkel, von einem Schiff aus Zehennägeln geträumt zu haben, auf dem ein Totenheer auf die Erde zufuhr. So weit, so normal. Ich gähne.

Ich schaue auf die Uhr. 11:45. Im nächsten Moment fahre ich vom Tisch auf, werfe dabei den Stuhl um, stolpere rückwärts darüber, bekomme den Tisch zu fassen. Der Tisch kippt, Cthulhu und Laptop purzeln herunter. Ich falle rücklings auf den Stuhl, der Laptop auf meinen Bauch, Cthulhu auf meinen Brustkorb.

„Respekt“, sagt er. „Das war ganz schön viel Chaos in so kurzer Zeit. Jedenfalls für jemanden von deiner Größe.“ Er dreht sich um. „Allerdings ist der Laptop wohl heil geblieben. Das gibt Abzüge in der B-Note.“

Durch den Ruck am Tisch ist mein Globus samt Halterung umgekippt. Wir sehen zu, wie er über die Tischkante rollt, zu Boden fällt und zersplittert. Cthulhu rutscht von mir herunter und setzt sich auf den Scherbenhaufen.

„Das nehme ich zurück.“, sagt Cthulhu. „10 von 10 Punkten.“

11:45, denke ich. Um 12:30 ist die Klausurbesprechung. Zu der ich die korrigierten Klausuren hätte mitbringen sollen. Die inzwischen wohl schon ihren Weg in die Müllverbrennung gefunden haben dürften. Oder ins Recycling. Sie findet in einem Seminarraum im Hauptgebäude statt. Selbst wenn Flensburg eine U-Bahn hätte, wäre das nicht mehr zu schaffen.

Ich liege auf dem umgekippten Stuhl wie ein auf den Rücken gedrehter Käfer. Mein Rücken fühlt sich an wie nach einer Thai-Massage vom Schwergewichtsweltmeister im Sumoringen.
Keine Chance, aus dieser Lage aufzustehen. Während ich mit der rechten Hand meinen Laptop festhalte, rolle ich mich leicht nach links und stütze mich mit der linken Hand auf dem Boden auf. Ein Teil von Westeuropa schneidet mir in die Hand, die sofort anfängt zu bluten. Asien, Afrika und Teile von Südamerika verfärben sich rot.

„Ist gut jetzt“, sagt Cthulhu. „Mehr als 10 Punkte gibt’s nicht.“

Außerdem, denke ich, während ich mich, so gut es mein Rücken zulässt, hochrappele und mit meiner tropfenden Hand ins Bad humpele, um mir Verbandszeug zu suchen, außerdem sollten bis dahin die Musterlösungen zu den Klausuraufgaben fertig sein. Gegen Mitternacht hatte ich mich dran gesetzt, doch als ich gerade mit dem Tippen anfangen wollte, musste sich Cthulhu unbedingt „noch schnell“ „eine“ Fail-Compilation auf Youtube ansehen. Und jetzt ist es eben 11:45. Nein, korrigiere ich mich. 11:47.

Ich muss an den Laptop, denke ich, während ich meine Hand verbinde. Wenn ich mich beeile, kann ich zumindest den Aufschrieb noch fertig kriegen.

„Den habe ich längst erledigt.“, sagt Cthulhu.

„Den Laptop? Ich dachte, der funktioniert noch.“

„Nein, den Aufschrieb.“

„Was? DU hast Musterlösungen geschrieben?“

„Ja.“ Die Tentakel biegen sich mit den Spitzen nach oben. Er scheint stolz auf sich zu sein.

„Zeig her.“

Ich richte den Stuhl, Cthulhu und den Laptop wieder auf und betrachte den Bildschirm. Die Klausur heißt „elementarmathematische Grundlagen für das erste Semester.“ Nichts kompliziertes. Ein paar Schulknobeleien, um die Neulinge ans mathematische Arbeiten jenseits von Taschenrechner und Formelsammlung heranzuführen.

Die erste Aufgabe lautet wie folgt:

„Du gehst mit einigen deiner Freunde durch den Zauberwald; auf einer Lichtung trefft ihr eine Gruppe von Zentauren. Alle zusammen habt ihr 100 Arme und 140 Beine. Wie viele Zentauren sind in der Gruppe? Erläutere deinen Rechenweg. Trage dann dein Endergebnis ein.“

Cthulhus hat sein Endergebnis sauber am Kopf der Seite eingetragen. Es lautet 32,75.

„Interessantes Ergebnis“, sage ich. „Kannst Du mir erklären, wie Du darauf gekommen bist?“

„Klar“, antwortet Cthulhu. „Erst einmal habe ich überlegt, welche von meinen Freunden dabei gewesen sind. Meine besten Freunde sind Toto, Gat, Shubi und Nyny. Toto kann nicht wandern, weil er ja keinen Körper hat. Und Gat war offenbar nicht dabei, sonst wären die Zentauren ja zu Stein erstarrt.“

„Konsequent“, entgegne ich.

„Bleiben also Shubi, Nyny und ich. Shubi hat keine Arme und vier Beine, Nyny hat, wenn er wandern geht, normalerweise 6 Arme und 3 Beine und ich habe 2 Beine und dann noch 2 Arme am Körper und 60 im Gesicht, zusammen also 62 Arme.“

Ich nicke. „Macht in toto also 68 Arme und 9 Beine“,

„Nein, nicht in Toto. Toto war ja nicht dabei. Habe ich doch gerade erklärt. Außerdem beißen wir einander auf Wanderungen nicht die Beine ab, das ergäbe ja keinen Sinn.“

„Entschuldige. Mach bitte weiter.“

„Es bleiben also 32 Arme und 131 Beine übrig. Ein Zentaur hat vier Beine, und wenn man 131 durch vier teilt, kriegt man 32,75.“

„Aber das ergibt doch keinen Sinn! Was soll denn ein Viertelzentaur sein?“

Cthulhu schaut mich an. Die Tentakel bleiben unbewegt. Anscheinend sieht er das Problem nicht.

„Außerdem“, sage ich, „hätten 32,75 Zentauren doch 65,5 Arme, aber nach deiner Rechnung haben sie zusammen nur 32 – wo sind die fehlenden 33,5 Arme hin?“

Cthulhus Blick ändert sich nicht. Ich stelle mir drei große Alte vor einer Gruppe von Zentauren vor. Binnen kurzem komme ich zu dem Schluss, dass es auf meine Fragen ziemlich viele Antworten gibt. Und dass ich keine davon hören möchte.

Ich sehe mir die zweite Aufgabe an.

„Zwei Züge haben einen Abstand von 1000 Metern und fahren mit jeweils 100 km/h aufeinander zu. Die flinke Fliege Frieda fliegt mit 200 km/h zwischen ihnen hin und her: Immer, wenn sie einen der Züge erreicht, macht sie kehrt und fliegt zum anderen zurück. Dabei fragt sie sich, welchen Weg sie bis zur Kollision zurücklegt. Fertige eine Skizze an.“

Ich schaue auf Cthulhus Antwort.

„Technisch gesehen“, räume ich ein, „ist, >ihren letzten Weg< durchaus korrekt. Aber wo ist deine Skizze?“

„Die ist auf der nächsten Seite.“ Die Tentakelspitzen beginnen, erwartungsvoll zu zittern. Ich blättere um.

„Na“, fragt Cthulhu, „was meinst Du?“

„Das ist sehr …“ Ich ringe um Worte, „bildhaft.“ Kurz durchatmen. „Und es stimmt schon: Nichts in der Aufgabenstellung legt fest, dass der Zustand vor der Kollision skizziert werden soll.“

Ich lasse meinen Blick über das Blatt schweifen.

„Wo ist der Kopf des linken Zugführers?“

„Da rechts. Beim Rumpf von dem Fahrgast, der durch das abgerissene Zugdach halbiert wurde.“

„Ich verstehe.“ Ein Glück, denke ich, dass ich noch kein Frühstück hatte. Und dass Cthulhu das nicht von Hand skizziert hat. Sonst wäre mein roter Korrekturstift jetzt wohl leer. „Wie hast Du LaTeX eigentlich dazu gekriegt, DAS anzuzeigen?“

„Das war leicht. Ich habe ihm erklärt, was passiert, wenn es das nicht tut.“

Das, denke ich, versuche ich auch regelmäßig. Bisher allerdings mit wenig Erfolg. Da habe ich wohl noch viel zu lernen.

„Gehen wir zur nächsten Aufgabe über.“, sage ich.

„Bert hat zum Picknick 40 Muffins mitgebracht, die er unter sich und seinen 23 FreundInnen gleichmäßig aufteilen möchte. Jeder Muffin wiegt genau 100 Gramm. Bert hat ein Messer dabei. (a) Wie oft muss er mindestens schneiden, um sein Ziel zu erreichen? (b) Wie viel Gramm Muffins bekommt dann jede der beteiligten Personen?“

Cthulhus Lösung ist hier denkbar knapp. Bei (a) hat er eine 4 eingetragen, bei (b) eine 200. Offensichtlich falsch, denke ich. Um jeder der 24 Personen jeweils 2 Muffins zu geben, sind 40 nicht genug. Man kann nicht zu einer gleichmäßigen Verteilung kommen, wenn man nur vier Muffins zerschneidet.

Ich stocke.

„Dir ist schon klar, dass die Schnitte durch die Muffins gehen sollten, oder?“

„Was?“ Die Tentakel zucken leicht. „Nein. Steht da auch nirgends.“

Gut, denke ich, dass hier nicht nach einer Skizze verlangt war.

„Oh“, sagt Cthulhu. „Stimmt ja. Ich habe trotzdem eine angefertigt. Musterlösungen sollen ja leicht nachvollziehbar sein.“

Ich werfe einen sehr kurzen Blick darauf, dann schließe ich die Datei. „Offenbar“, sage ich, bemüht, trotz eines Zitterns in der Stimme anerkennend zu klingen, „hast Du aus der >Körperwelten< -- Ausstellung einiges mitgenommen.“

Nun, da ich jede einzelne Lösung kommentiert habe, wird es Zeit für ein Gesamt-Feedback.

„Vielen Dank“, sage ich. „Da hast Du dir wirklich viel Arbeit mit gemacht. Ich würde noch ein paar … kleinere Überarbeitungen vornehmen, und es dann ins Netz stellen.“

10 Minuten, denke ich. Ich habe noch 10 Minuten, um sämtliche Lösungen zu tippen und ins Netz zu stellen. Sportlich, aber machbar.

„Mach dir keinen Stress. Ich hab’s schon vor ein paar Stunden hochgeladen.“

Ich schließe die Augen. Durchatmen. Die Klausurbesprechung soll in zehn Minuten beginnen. Vorher schaut sich sicher kaum jemand die Lösungen an. Ich lösche das jetzt schnell, schreibe die Lösungen, und lade sie hoch. Kein Problem.

Mein Blick fällt auf den Tab mit meinem Mailprogramm. 43 ungelesene Mails seit heute Morgen. Die häufigsten Betreffzeilen lauten: Lösungen (15 mal), Musterlösungen (13 mal) und Klausurlösungen (8 mal). Fünf weitere haben Atteste eingereicht, denen zufolge sie durch die Lektüre der Musterlösungen einen Schock erlitten haben. In den letzten beiden werden mir 7stellige Entschädigungszahlungen der EU in Aussicht gestellt.

Ich klicke aufs Geratewohl eine der Mails an. „Die ersten beiden Aufgaben habe ich genau wie in den Musterlösungen gemacht.“, lese ich. „Reicht das zum Bestehen?“

In der rechten oberen Ecke meines Bildschirms ploppt eine Erinnerung unseres Videokonferenzprogramms auf. Die Klausurbesprechung findet als Hybrid-Veranstaltung statt, wird also aus dem Seminarraum per Kamera auch ins Netz übertragen, während die online Teilnehmenden im Seminarraum auf einer Leinwand zu sehen sind. Wenn ich schon nicht vor Ort bin, kann ich mich hier wenigstens zuschalten. In zwei Minuten geht es los.

Zwei Minuten.

Dann muss ich 103 Studierenden mitteilen, dass ihre Klausuren weg sind. Ich trete nervös von einem Fuß auf den anderen, voll in die Antarktis hinein. Mein Fuß fängt sofort heftig an, zu bluten.

Das muss ich desinfizieren. Und verbinden. Und hoch lagern. Ich muss ins Bad. Und ins Meeting. Zwei Dinge gleichzeitig zu müssen, die nicht gleichzeitig gehen, ist Mist.

„Keine Sorge“, sagt Cthulhu, und setzt sich vor den Laptop. „Ich übernehme das schon.“ Damit startet er das Meeting.

„Da, er hat sich online zugeschaltet“, kommt eine Stimme aus dem Lautsprecher.

„Auf keinen Fall!“, rufe ich. Mein Körper beginnt, sich Richtung Badezimmer zu bewegen.

„Hö, warum sitzt da ein Teddy?“ fragt jemand anders.

Cthulhu aktiviert das Mikrofon. „Euer Geschreibsel hat mein Mensch auf meinen Befehl hin weggeworfen, ihr Würmer. Seid froh. Das war auch das beste, was man damit tun konnte.“ höre ich ihn noch sagen, dann schließt sich die Tür hinter mir.

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