Man gewöhnt sich mit der Zeit an alles. Selbst daran, dass der Rauchmelder jeden meiner Schritte kommentiert, die Fensterscheiben zwischendurch immer mal wieder verschwinden und das Parkett mir regelmäßig nach dem Leben trachtet. Dennoch sagt Cthulhu bisweilen Dinge, die mich beunruhigen.
"Ich habe für heute Abend ein paar Freunde zum Essen eingeladen."
Das ist so ein Beispiel.
"Aha," antworte ich. Erst einmal ruhig bleiben, denke ich mir. Schauen wir mal, wie schlimm es ist. "Von deinen oder von meinen?" Das scheint mir vorerst die drängendste Frage zu sein.
"Von meinen natürlich. Von deinen würde ich ja nicht satt. Das wäre ja gleichbedeutend mit einer Fastenkur."
"Äh... und von deinen Freunden wirst Du schon satt?"
"Naja. Ist ja kein so förmlicher Anlass. Da haben wir keine so strikte Trennung zwischen Gästen und Speisen. Natürlich gibt es ein paar Dinge, die definitiv Speisen sind, aber es gehört einfach dazu, ab und zu ein Stück vom Nachbarn abzubeißen und zu sehen, wie es nachwächst. Außer bei Azi. Der isst sich am liebsten selbst. Meist so zwei- bis dreimal. Der bringt schon ordentlich Kohldampf mit."
"Soso." Ich versuche, mich von dem Gehörten möglichst unbeeindruckt zu zeigen. Es reicht schon, wenn ich die nächsten fünf Nächte davon Träume. "Wer steht denn so auf der Gästeliste?" Insgeheim hoffe ich auf den Godzilla-Roboter von neulich. Aber irgendwie bezweifle ich, dass der >Azi< heißt."
"Azi, Gat, Nyny und Shubi."
Ich überlege. "Azathoth, Ghatanothoa, Nyarlathotep und Shub-Niggurath, nehme ich an?"
"Ach je," Die Tentakel winken ab. "Das klingt ja schrecklich förmlich."
Ich kratze alles zusammen, was ich von meiner Lovecraft-Lektüre noch im Kopf habe. "Also, lass mich kurz zusammenfassen:
Du willst erstens den irrsinnigen Dämonenfürsten aus der äußersten Leere, zweitens einen Gott, dessen Anblick einen zu Stein erstarren lässt, drittens das kriechende Chaos und viertens die >Ziege mit den tausend Jungen<
in meine Wohnung einladen."
"Genau."
"Kommt nicht infrage!"
"Wobei Shubi bestimmt einige ihrer Kleinen dabei hat. Sie hat es immer schwer, eine Nanny zu finden."
"Kommt noch weniger infrage."
"Und Hasi natürlich. Den habe ich auch eingeladen."
"Wer bitte ist >Hasi<?"
"Na, Du weißt schon..."
"Du meinst doch nicht etwa Hast..."
Weiter komme ich nicht. Ein Dutzend Tentakel halten mir den Mund zu.
"Pssst! Nicht aussprechen!"
Richtig, denke ich. Hasturs Namen auszusprechen soll Unglück bringen. Allerdings wundere ich mich, dass das auch für große Alte gelten soll.
"Das gilt sogar für ihn selbst. Ist immer ein Eiertanz, wenn er sich irgendwo neu vorstellen muss. Kommt zum Glück nicht mehr so oft vor. Eigentlich heißt er jetzt überall einfach >Hasi<."
"Dir ist schon klar, dass Erweiterungen der Gästeliste nicht dazu führen werden, dass ich mein >kommt nicht infrage< zurück nehme, oder?"
"Ich habe übrigens nicht um Erlaubnis gefragt. Jetzt geh in die Küche."
"Was? Wieso?"
"Für das Büffet. Die Anrichte und die Spüle reichen nicht aus für die ganzen Tabletts."
Meine Füße machen sich auf den Weg in die Küche. "Und was habe ich damit zu ..." setze ich an.
"... tun?", vollende ich meinen Satz. Irgendwas hat sich geändert, seit ich ihn begonnen habe.
"Wie bitte?"
"Wie bitte was?"
"Du hast gerade völlig ohne jeden Zusammenhang >tun< gesagt. Was soll das?"
"Habe ich nicht! Ich habe gefragt, was ich damit zu tun habe."
"Nein. Du hast nur >tun< gesagt. Der Teil mit dem >was ich damit zu< war vor sieben Stunden."
"Vor sieben..." Unwillkürlich blicke ich zur Küchenuhr. Es ist ein Uhr morgens. Dürfte hinkommen.
Meine Arme fühlen sich schwer an. Zwei kurze Seitenblicke enthüllen, woran das liegt: Ich halte sie angewinkelt nach oben, die Hände flach; auf beiden stehen Tabletts. Auf einem liegt eine weiße Kugel.
Als ich sie anschaue, schaut sie zurück. Ich schaue weg.
"Was ist hier eigentlich los?" Der Versuch, zur Spüle zu gehen, um die Tabletts abzustellen, scheitert. Ich kann weder meine Arme noch meine Beine bewegen.
"Ich hatte meine Freunde zum Essen da. Hatte ich dir doch erzählt." erwidert Cthulhu, als sei damit alles gesagt.
"Du HATTEST...?" Die Spüle, die Anrichte, der Herd, die Mikrowelle -- überall stehen Tabletts, Töpfe, Schüsseln. Die meisten davon überwiegend leer. In einigen scheint noch etwas zu zucken.
Offenbar ist die Party schon vorbei. "Und was mache ich hier?"
"Die Abstellfläche in der Küche reichte nicht ganz für das Büffet. Daher brauchten wir einen stummen Diener."
"Ach, und dafür war ich gut genug?!" Allmählich nehme ich auch den Geruch war. Ich beschließe, mir als erstes eine Wäscheklammer zu besorgen, wenn die Paralyse nachlässt.
"Nicht ganz. Zwischendurch hast Du komisch gestöhnt. War aber OK für die Atmosphäre, fand ich. Hasi hat's auch gefallen, er lässt dir Grüße ausrichten."
"Freut mich zu hören." Inzwischen habe ich wieder ausreichend Kontrolle über meinen Oberkörper und meine Arme, um mich nach vorne zu lehnen und die Tabletts in die Spüle fallen zu lassen. Eines fällt scheppernd zu Boden, das andere rutscht tatsächlich halb in das, was ich bisher für Spülwasser gehalten habe. Das war es aber anscheinend nicht; denn statt zu platzen, schauen mich die vermeintlichen Seifenblasen nun ebenfalls an.
Ich habe eine Frage, die ich gerade ebenso dringend stellen wie vergessen möchte.
"Wo hattet ihr das Essen eigentlich her?" frage ich laut.
Mist. Jetzt kann ich das mit dem Vergessen wohl vergessen.
"Wir haben Pizza bestellt."
"Pizza."
"Ja. Die steht jetzt im Kühlschrank, falls Du noch Hunger hast."
Allerdings habe ich den. Was nicht im Widerspruch dazu steht, dass der Geruch mir jeden Appetit vertrieben hat. In jedem Fall wäre ein Pizzarest wohl kaum ausreichend; soweit ich mich erinnere, habe ich heute noch gar nichts gegessen.
"Kein Rest. Die ganze Pizza."
"Ach so. Dann ist ja gut!" Die Aussicht auf Pizza hebt meine Laune deutlich. Sogar mein linkes Bein lässt sich nun wieder bewegen. Darüber bin ich nun wiederum so erfreut, dass ich die offensichtliche Frage fast vergessen hätte.
Leider fällt sie mir dann doch noch ein.
"Moment mal -- warum bestellt ihr Pizza, und esst sie dann nicht? Und was habt ihr stattdessen..."
Die Frage erledigt sich durch einen Blick aus dem Fenster. Dort steht ein Lastenrad mit der Aufschrift "Pizza-Flitzer." Vom Boten fehlt jede Spur.
"Das stimmt nicht so ganz," mischt Cthulhu sich ein. "Im Flur gibt es noch ein paar Spuren von ihm. Und im Bad auch. In der Küche und im Wohnzimmer haben wir schon sauber gemacht."
Inzwischen funktionieren meine Beine wieder so weit, dass ich einige unsichere Schritte Richtung Flur machen kann. Eine etwa einen halben Meter breite Blutspur zieht sich von der Eingangs- zur verschlossenen Badezimmertür. Von der Wohnzimmertür schlägt mir ein intensiver Geruch nach Ziege entgegen.
"Sind das da Hufspuren an der Decke?"
"Ja. Und an den Wänden auch. Shubis Kleine sind immer sehr quirlig. Aber sie hätten wirklich mal den Fußabtreter benutzen können."
"Und was ist das da unter dem Türspalt?"
"Was denn?"
"Das Ding, was aussieht wie ein Daumen."
"Das ... ist ... " Die Tentakel schnellen vor und greifen sich das Ding. Ich höre ein kurzes Knirschen. "Goanis."
"Wie bitte? Man spricht nicht mit vollem Mund."
"Gar nichts," hallt es in meinem Kopf.
Ich sollte aufräumen, denke ich. >Gar nichts< könnte aktuell ziemlich schnell zu ziemlich unangenehmen Fragen führen, wenn jemand einen Blick in meine Wohnung wirft. Ich hole zwei Flaschen Tatortreiniger unter der Spüle hervor und säubere den Flur. Anschließend kümmere ich mich um die Küche. Zumindest versuche ich es. Die Tabletts sind schnell erledigt, viele der verbliebenen Reste machen sich ohne mein Zutun aus dem Staub. Doch das Geschirr ist in weit größerer Uordnung, als es bei meinem Geschirrvorrat eigentlich möglich ist. Ich zähle sechs flache und fünf tiefe Teller -- Hasi hat seinen verschluckt --, fünf Tassen (Azathoth trinkt nicht, weil er selbst flüssig ist) und vier Untertassen (Nyarlathothep trinkt ebenfalls nicht, kleckert aber gerne). Eigentlich überschaubar. Aber den Versuch, sie zu sortieren, breche ich nach einer halben Stunde erfolglos ab. Die Sache scheint dadurch nicht einmal erkennbar besser geworden zu sein. Kurzerhand versenke ich den Stapel im Spülwasser.
Mein Blick fällt aus dem Fenster. Vor der Wohnungstür steht ein Lastenrad mit der Aufschrift "Pizza-Flitzer." Das, denke ich, muss weg. Früher oder später wird jemand die letzte Adresse, an die der Bote geliefert hat, aufsuchen, um nach ihm zu schauen.
"Ja," sagt Cthulhu. "Sein Chef. Der war schon hier."
"Und wo ist er jetzt?"
"Kommt drauf an. Welcher Teil von ihm?"
Wenige Minuten später fahre ich auf dem Rad in Richtung Förde. Vorsichtshalber habe ich mir Gummihandschuhe angezogen. Cthulhu sitzt, versteckt unter einer Decke, im Lenkerkorb.
Kurz spiele ich mit dem Gedanken, Cthulhu zu fragen, ob er vielleicht nach Hause telefonieren möchte. Doch dann verwerfe ich ihn wieder. Vermutlich vermisst er seine Freunde nicht. Er hat sie ja gerade erst getroffen.
Cthulhu-Zyklus, Episode 6.1: Freunde zum Essen
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