„Was fällt dir ein, einfach mein Zeug wegzuschmeißen?!“ Ich schaue Cthulhu empört an und deute dabei auf einen großen Plastikmüllsack in der Mitte des Wohnzimmers. Er ist offen, und so kann ich die bunten Verpackungskartons, die Spielbretter, Würfel, Mikadostäbchen, Anleitungsheftchen, die Go- und Mühlensteine, Spielkarten, die Schach- und Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren, die Fang-den-Hut-Hüte, kurz: Die Reste meiner Spielesammlung erkennen, die darin wild durcheinander liegen. Die Tentakel spalten sich in eine rechte und eine linke Hälfte, die sich jeweils waagerecht ausrichten, sich dann in der Mitte ineinander schieben und nach vorne durchdrücken. Ich fühle mich an einen Straßenschläger erinnert, der vor Beginn einer Prügelei mit den Fingern knackt. Nur, dass bei Cthulhu natürlich nichts knackt. Tentakel haben ja keine Knochen. Und, wie mir einfällt, Plüschtiere auch nicht.
„Jetzt stell' dich mal nicht so an! Das Zeug hast Du doch eh nie benutzt. Und ich brauchte den Platz im Regal!“
„Wozu das denn?“ Ich drehe mich um. Noch in der Bewegung frage ich mich, was umfangreich genug wäre, um den Platz von drei original verpackten Brettspielen und drei Spielesammlungen einzunehmen.
Dann sehe ich es. Dort, wo sich heute morgen noch meine Spielesammlung befunden hatte, liegt nun ein riesiges, uraltes, in Leder eingebundenes Buch. Es verströmt einen so penetranten Geruch von Fäulnis und Verwesung, dass ich mich wundere, es nicht schon beim Hereinkommen gerochen zu haben. Ich schaudere zurück. „Das … ist das … das ist doch nicht etwa...?“
„Doch“, sagt Cthulhu, „genau das ist es. Früher musste man für so etwas jahrelang in den schimmeligen Nachlässen von irgendwelchen vor zwei Jahrhunderten verstorbenen Alchemisten wühlen oder so etwas, aber inzwischen ist es einfach der erste Treffer, wenn man bei Amazon 'Nekronomikon' sucht.“
„Auf AMAZON??“ Ich kann es noch immer nicht glauben, was ich da vor mir habe. Das Nekronomikon! Die von dem wahnsinnigen Araber Abdul Alhazred verfasste Abhandlung über die großen Alten im Allgemeinen und Cthulhu im Besonderen, nebst detaillierter Schilderungen der zugehörigen Kulte und ihrer Rituale. Ein Werk von solch unsagbarer Scheußlichkeit, dass bereits die Lektüre weniger Seiten genügen soll, um gestandene und gefestigte Männer in den Wahnsinn zu treiben.
„Ja, ein echter Glückstreffer.“ War auch nur noch ein Exemplar zu haben. Hier, schau mal – jetzt ist es ausverkauft.“
Cthulhu hält mir mein Smartphone hin. Darauf ist eine Amazon-Seite zu sehen. Allerdings eine, die nur noch mit Mühe als solche zu erkennen ist. Das Buch hat als Bewertung 10 Sterne, die in einem umgedrehten Pentagramm angeordnet sind. Die Schriftzeichen sind mir überwiegend unbekannt, und außerdem bewegen sie sich, während man sie betrachtet. Einige scheinen zu versuchen, mit ihren spitzen Enden Löcher in das Display zu bohren. Bei den Rezensionen fällt mir zunächst auf, dass die drei ältesten auf die Jahre Jahre 738, 745 und 813 datiert sind, die neueste auf das Jahr 3570. Überwiegend bestehen sie aus Emojis, von denen mir unklar ist, wie sie es durch das Unicode-Konsortium geschafft haben. Vermutlich hatten die Verantwortlichen einfach zu viel Angst vor ihnen, um sie abzulehnen. Von den übrigen sind nur wenige in einer mir verständlichen Sprache verfasst:
„Ein prächtiges Sammlerstück, das seit Jahrzehnten seinen festen Platz in meiner Panzerglas-Vitrine hat. Der Einband aus Menschenhaut wird mit der Zeit leicht rissig, daher sollte man das Buch bisweilen von jemandem mit Lederpolitur einreiben lassen, den man nicht mehr braucht/auf den man danach verzichten kann.“
„Beste Anschaffung EVER! An dem Tag, an dem es ankam, sind sämtliche Ratten aus dem Haus verschwunden. Seither keine mehr gesehen. P.S.: Familie ist jetzt auch weg.“
„Zahlung einwandfrei. Lieferung pünktlich und ohne Beschädigungen. Donnerstag. Hund Mitternacht Schnürsenkel TOD TOD TOD TOD TÖTN TÖTN TÖTN TÖTN wrgags kriigggl mwgnafh“
„Erbstück von Opa. Wer sich mit Beschwörungen auskennt, findet ihr eine Reihe gut erklärter Anleitungen – sonst lässt man wirklich besser die Finger davon. Habe gerade einen Portalzauber gewirkt, weil mein Opa vor 30 Jahren die Kellertür zugemauert hatte und ich jetzt den Platz brauche und keinen Bock auf Handwerker hatte. Hat alles wunderbar geklappt. Pro-Tipp: Raumerfrischer bereit halten, um den Blutgeruch zu überdecken. Schreibe gerade entspannt meine Review, während ich darauf warte, dass die letzte Ritualkerze vollständig abgebr“
Wie mir die Fußzeile verrät, kauften Erwerber des Nekronomikons ansonsten auch Raumerfrischer, Ritualkerzen, ein 100-teiliges Edelstahlmesserset, Benzinkanister, Plastikfolie und Tauchanzüge. Wenig überraschend. Ich wische weiter. Die folgenden Artikel kann ich mangels anatomischer Kenntnisse nicht identifizieren. Als letztes finde ich ein Bild von mir selbst mit meinem Namen darunter. Das macht mich jetzt doch neugierig, was ich wohl koste; leider werde ich als „Nicht mehr verfügbar“ angezeigt.
Irgendwie ist mir in dem Moment, in dem ich auf „Vorschau anzeigen“ klicke, ja klar, dass das keine gute Idee ist. Mein Telefon zeigt kurz so etwas wie einen Ladebalken. Dann beginnt es zu wimmern. Im Display bilden sich Haarrisse. Im nächsten Moment ist es tot. Selbst die Ladeleuchte bleibt dunkel.
„Tolle Sache, was?“ Cthulhu schaut mir über die Schulter. „Wenn auch nicht ganz billig. Aber auch nicht zu teuer. Willst Du wissen, was ich bezahlt habe?“
„Ganz sicher nicht!“, gebe ich heftig zurück, während ich das Telefon zur Spielesammlung lege. Hoffentlich, denke ich, was es wenigstens nur Geld. Das verfluchte Buch im Auge ziehe mich langsam von dem Bücherregal zurück wie von einer sprungbereiten Raubkatze.
„Steht natürlich viel Quatsch drin, auch wenn es echt stilvoll ist. Hatten wir ja schon mal. Nicht mal mein Name stimmt. Ich dachte, wir gehen es mal zusammen ganz genau durch und erstellen eine zweite Auflage, in der wir das alles mal richtigstellen...“
„Nein, danke!“ Eigentlich hatte meine Stimme fest und entschlossen klingen sollen. Dass sie sich zum Ende hin überschlägt, passt dazu nur mäßig gut.
„Es gibt auch Illustra...“
„HALT DIE KLAPPE!“, schreie ich ihn an.
„Wovor hast Du Angst? Dass Du wahnsinnig wirst?“ Die Fangarme werfen eine Vielzahl schneller, kleiner Wellen; vermutlich ein Kichern. „Entspann dich. Was schon ist, kann nicht mehr werden“
Ich beschließe, diesen spitzen Einwurf zu übergehen.
„Na komm schon!“ Die Fangarme winken mich einladend heran. „Wirf halt mal Blick rein. Was kann der schon schaden?“
Bestimmt eine Menge, denke ich, über die Details will ich gar nicht nachdenken. Vor allem, wenn so ein Blick hängen bleibt und dann weitergezogen wird.
Mir fällt auf, dass ich seit mindestens zwei Minuten nicht davon loskomme, den Buchrücken anzustarren. Mit einem Ruck springe ich vom Sofa auf, fliehe aus dem Wohnzimmer und schlage die Tür hinter mir zu. Im Flurschränkchen finde ich den Schlüssel zur Wohnzimmertür und schließe sie ab. Den Schlüssel in der Hand sehe ich mich um. Der muss weg. Kurz entschlossen laufe ich ins Treppenhaus, öffne ein Fenster auf halber Treppe und werfe ihn auf die Straße. Grinsend schaue ich zu, wie er in einem Gulli verschwindet. „Treffer, versenkt!“, beglückwünsche ich mich innerlich. Da habe ich dem Wahnsinn ein schönes Schnippchen geschlagen.
Ich gehe zurück in meine Wohnung. Besser gesagt: In den Eingangsflur. Denn der ist leider alles, was mir von meiner ehemals geräumigen Wohnung geblieben ist. Zumindest eine Decke hätte ich mit herausnehmen sollen. Der einzige Zugang zum Schlafzimmer ist leider eine Tür im Wohnzimmer. Jetzt muss ich die Nacht dem nackten Flur verbringen. Ich strecke mich zwischen Schuhen, Schränkchen, Schirmständer und Garderobe aus und versuche, einzuschlafen.
Wenn nur die Türen zu bleiben!
Der Cthulhu-Zyklus -- Episode 14 -- Das Nekronomikon
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