s(ch)ichtweise

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Gerda

Beitragvon Gerda » 11.12.2011, 09:39

s(ch)ichtweise

als sei ich in einer anatomiestunde
3d -software für das sichtbarmachen
der übereinander liegenden schichten
des menschlichen körpers sowie
der inneren organe gab es noch nicht
(profiler arbeiteten früher auch so ähnlich)

lege ich in sekundenschnelle
fiktionlale folien übereinander
schiebe sie kreisförmig hin und her
darüber darunter
tausche sie aus
nähere mich dem charakter
deines gesichts
immer schneller
immer mehr an
so fremd du bist erkannt
auf die distanz am tanz
deiner gesten deiner mimik
wie viel zeit …

©GJ20111203

Louisa

Beitragvon Louisa » 12.01.2012, 12:13

Hallo Gerda!

Also den Grundgedanken finde ich eigentlich gut... Man könnte aber evtl. noch eine zweite Version probieren...

Ich finde diesen ganzen Abschnitt etwas eigenwillig:

"3d -software für das sichtbarmachen
der übereinander liegenden schichten
des menschlichen körpers sowie
der inneren organe gab es noch nicht
(profiler arbeiteten früher auch so ähnlich)"

Zwar baut er durch diese Aufzählung auch eine gewisse Spannung auf - aber sie führt dann doch nirgendwohin... Ich frage mich: Wozu wird denn das mitgeteilt? Wieso muss der Leser jetzt an dieser Stelle belehrt werden, dass es "damals" (wann auch immer) noch keine 3D-Software gab und dann auch noch den Zusatz in Klammern "Profiler arbeiteten früher auch so ähnlich" ? Besonders bei diesem Klammer-Satz denke ich mir dann: "Aha! Das interessiert mich leider überhaupt nicht."

Also ich verstehe gar nicht, was du damit sagen willst :sad: ... Aber dann geht der Text ja für mich endlich mal weiter und dann finde ich ihn auch wieder spannender. Als kleine Alternative würde ich vielleicht etwas anstreben, dass in diese Richtung geht:

als sei ich in einer anatomiestunde
3d -software für das sichtbarmachen
der übereinander liegenden schichten
des menschlichen körpers sowie
der inneren organe hab ich in mir
und leg ich in sekundenschnelle
(....)

Denn der Rhythmus und der Spannungsaufbau sind ja gar nicht schlecht! Wie findest du denn diese Sichtweise? Da erfährt man welche "Software" das "lyrische Ich" in sich trägt... Was ja auch ein ganz lustiger GEdanke ist, dass auch wir für jeden Gedankenvorgang eine Software im Gehirn tragen oder? Und die wird dann (wie in der Anatomiestunde) angewandt.

Du wirst sagen: Ja, aber das Folien-System ist ja gerade ein anderes als das 3-D-System!
Oder?
Aber das ist ja im Grunde auch unerheblich, denn in diesem Fall würde es ja um deine persönliche "Gedanken-Software" gehen.

Also das Gedicht ginge dann wie gesagt weiter:

und leg ich in sekundenschnelle
fiktionlale folien übereinander

- Braucht es da unbedingt das "fiktionale" ? Ich plädiere an dieser Stelle auch einmal für mehr Mut zur Unwahrheit! Diese ganzen "als ob" und "wie"-Vergleiche und diese Sachen wie "beinahe", "fiktional" - Das mache ich auch oft falsch... Aber wenn man ein Gemälde sieht oder ein Gedicht liest, will man doch gerade in eine unwirkliche, andere Welt hineingezogen werden - und jeder Hinweis im Kunstwerk selbst darauf, dass es ja "nur Kunst" und keine andere Welt ist - der stört bei mir dann den Gesamteindruck. Das sind doch dann in meiner Lesart ECHTE, flatternde (!) Folien, filigrane (!) Folien, etc... in deinem Kopf!
Selbst deine Alliteration kannst du mit Worten wie flatternd oder filigran behalten! Aber dann wird alles doch ein bisschen mutiger! Meinst du nicht?

Weiter:

"schiebe sie kreisförmig hin und her
darüber darunter
tausche sie aus"

Das finde ich gut, weil man sich diesen Vorgang schön vorstellen kann! Finde es auch nicht zu gedoppelt.

"nähere mich dem charakter
deines gesichts
immer schneller
immer mehr an"

Ja, ok!

"so fremd du bist erkannt"

Das verstehe ich nicht! Wieso ist das denn "fremd"? Weil es ein technischer Folien-Vorgang ist? Vielleicht wäre an all diesen Stellen auch eine technische, Computer-Sprache schön... So etwas wie:

filigrane folien übereinander
schiebe sie hin und her (das "kreisförmig braucht´s eigentlich nicht oder?)
darüber darunter
tausche sie aus
und lade sie hoch (????)
nähere mich dem charakter
deines gesichts
mit einem High-Speed-Prozessor (keine Ahnung wie man das genau schreibt, finde ich aber interessant)
immer mehr an
Du bist so eine gute
Raubkopie, man erkennt
dich nie, wenn man keine
Untertitel hat für deine
gestik, deine mimik (hier würde sich doch gestIK und mimIK besser anhören?)
wie viel Speicherplatz
für so viel zeit ...


- Das waren jetzt so ein paar Vorschläge von mir. Ich hoffe du kannst etwas damit anfangen... Verstehst du auf was für einen Tonfall ich damit hinauswollte? Vielleicht kann es dich ja inspirieren... Ich habe versucht deinen Grundgedanken aufrecht zu erhalten.

Viel Spaß damit und danke für den interessanten Text!

LG,
l


PS: Ach ja, den "Tanz" hatte ich gestrichen, weil mich das Bild völlig aus dem Thema raushaut!

Gerda

Beitragvon Gerda » 12.01.2012, 16:35

Liebe Louisa,

das zu lesen freut mich! Es ist sehr erfrischend und inspirend für mich.

Ich war schon ziemlich bedröppelt wie man im Rheinland sagt, wenn man nicht wirklich traurig, aber auch nicht fröhlich ist, darüber, dass dieser Text so gar keinen Komm. erhielt.

Jedenfalls spüre ich, dass du mitgehst, ferner dass ich inzwischen die Distanz habe, zu jenem Ereignis, welches diesen Text ausgelöst hat.
Ich werde mich gern mit deinen Ideen und Vorschlägen befassen und danke dir herzlich.

Liebe Grüße
Gerda

Louisa

Beitragvon Louisa » 17.01.2012, 19:46

Hallo Gerda!

Ich denke, dass ich in meiner Interpretation vielleicht auch zu sehr den romantischen Moment in dem Text gestrichen habe und es auf eine andere Schiene gebracht habe... Vielleicht kannst du diese Romantik ja auch noch etwas schärfer zeichnen - oder sie auch so angedeutet lassen.... freue mich auf jeden Fall wenn dir die Rückmeldung etwas nutzt.

Schönen Abend!
l

Gerda

Beitragvon Gerda » 20.01.2012, 17:29

Liebe Louisa,


danke, ja, ich glaube schon, dass mir dein Feedback helfen wird. Leider habe ich nur derzeit relativ viel "Unliterarisches" um die Ohren. :-(
Aber heute habe ich mir deine Tipps in mein Word.doc kopiert und hoffe, am WE am Text arbeiten zu können.

Liebe Grüße und ein schönes WE
herzlich Gerda


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