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Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Quoth
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Beitragvon Quoth » 03.02.2012, 20:34

Das Blau des Schnees, es spiegelt wohl den Himmel,
die Eichen sind im Firmament verzweigt,
der First des Hauses wirkt geduckt, bescheiden,
und sein Bewohner ist seit langem tot.

Dann ist da noch der Acker, dessen Schollen
Den Schnee durchstoßen, der so himmelblau.
Man fragt sich, ob ihn noch gepflügt der Bauer,
der bis vor Monden in dem Haus gewohnt.

Den Himmel greifen sich die schwarzen Eichen,
im Firmament verwurzelt ist der Schnee,
seit langem brüchig ist der First des Hauses,
geduckt und schweigsam war, der dort gewohnt.

Das Blau des Himmels schmückt des Ackers Schollen,
die Eichen stehen unbewegt, verschluckt,
der Schnee ist schon seit längerem gestorben,
die Ackerschollen deckt das Firmament.
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

scarlett

Beitragvon scarlett » 03.02.2012, 21:04

einfach klasse!

pjesma

Beitragvon pjesma » 03.02.2012, 21:37

ich drücke es aus mit floristischen zeugs: wäre es ein strauß, wäre es absolut stimmig---farblich, förmlich, thematisch, technisch, durchdacht,mit wiedererkennbaren details dennoch überraschenden wendungen, sparsam dennoch üppig angelegt, jahreszeitunmissverständlich...einfach eine runde sache, ausstellungsstück ;-)

lg, pjesma

Mucki
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Beitragvon Mucki » 04.02.2012, 00:00

Hallo Quoth,

ganz wunderbar, wie hier die einzelnen Elemente jeweils wieder aufgegriffen werden.
Es liest sich auch so schön. Welche Art Sonett ist dies hier?
Hab ich sehr gern gelesen.

Saludos
Gabriella
P.S: Du beschreibst hier tatsächlich ein Bild, oder? Verrätst du uns, welches?

Quoth
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Beitragvon Quoth » 04.02.2012, 09:10

Vielen Dank, Scarlett.
Ja, auch Floristik "komponiert", nicht wahr, Pjesma?
Gabriella, das Bild ist nicht aus dem Netz, deshalb kann ich es nicht zeigen, könnte es Dir aber schicken. Ein Sonett ist dies übrigens nicht, es sind einfach vier ungereimte Vierzeiler. Ich habe die Wiederholungsidee des Pantum im Kopf gehabt, ohne mich sklavisch an dessen Regeln zu halten.
Mit Dank für freundliche Lektüre
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 04.02.2012, 09:21

Hallo Quoth,

das Pantum hört man mitschwingen und eine gelegentliche Arhythmie bricht den sonst ruhigen, beschaulichen Vers. Die Farbe blau wandert vom Schnee zum Himmel, die Scholle wird immer deutlicher sichtbar - ein sehr schöner Text. Dass du dir diese Freiheit der Formbrechung erlaubt hast, finde ich besonders anziehend ...

Hast du das Vokabular bewusst so gewählt, vermutlich dem Bild, das du beschreibst, entsprechend?

(Monde - es hätten auch banalere "Wochen" sein können..)

lG
R.

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 04.02.2012, 11:02

Mich beeindruckt die Wanderung der Wahrnehmung, der Schnee der den Himmel spiegelt, der längst verstorbene Bewohner des Hauses und wie das behutsam aber nachdrücklich zur Schlussstrophe führt, in der der Schnee seit längerem verstorben ist, wie die Betrachtung sich löst von dem, was man sieht und zu inneren Bildern wird, zu surrealen Bildern.

[Die von René vorgeschlagenen Wochen würde ich den Monden vorziehen]

Xanthi

Mucki
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Beitragvon Mucki » 04.02.2012, 14:15

Hallo Quoth,

ich dachte zuerst an ein Pantum, doch da sich keine Zeilen komplett wiederholen, vermutete ich eine andere feste Versform.
Doch, dass du vom strickten Pantum abweichst, dessen Wiederholungselement verwendest und so die Scholle quasi wandern lässt, finde ich sehr schön. Das macht den Reiz deines Gedichtes aus.
Und ja, ich bin neugierig, welches Bild es ist. Sendest du es mir zu? (freewings@t-online.de)

Saludos
Gabriella

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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 04.02.2012, 18:21

hallo Quoth,

ich kann nur sagen: ganz großes kino. eine schlichte, schnörkellose sprache zeichnet ein (sehr eindringliches) bild.
ich würde die "monde" unbedingt so stehen lassen, für mich bilden sie mit "firmament" und "first" und "schollen" eine wortkette, die die winterimpression trägt oder anhebt.

lga

Jelena

Beitragvon Jelena » 05.02.2012, 07:27

Hallo Quoth,

dein Gedicht gefällt mir auch sehr gut, besonders die Ruhe darin, die so tröstlich wirkt, als wäre der Tod nur ein Übergang in eine andere Dimension, kein Verlust, sondern eine neue Vermischung, die du durch die Vermischung der Elemente verdeutlichst. Die Trauer ist gleichzeitig eine Hoffnung. Das ist so schön daran.

Formal könnte man, finde ich, schon etwas verbessern. Mir würde es gefallen, wenn die jeweils abschließenden Worte der Verse alles unterschiedlich wären, "Schollen" und "gewohnt" sind ja gedoppelt, als einzige. Die kleinen versteckten Reime, die in den Versmitten oder sonstwo durchschimmern, natürlich auch durch die Wortwiederholungen, die gefallen mir aber sehr. Dadurch hat das Werk Mantracharackter, was zur Ruhe und meditativen Stimmung beiträgt.

Die Monde würde ich auch durch Wochen oder Tage ersetzen wollen, weil sie nicht in das Bild passen wollen. Der Mond ist natürlich auch zur blauen Stunde am Himmel oft sichtbar, stimmt. Aber hier stört er mich als Leserin, weil ich sofort an die Nacht denken muss, die aber mit dem Licht auf dem Schnee und den sich abhebenden schwarzen Geäst nicht hineinpassen will.

Gerne gelesen, Jelena.

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 05.02.2012, 14:09

Hallo Quoth,

sehr schön ist das gemacht - lass mich raten: spätes neunzehntes Jahrhundert /früher George :smile: ? Einzig der gestorbene Schnee ist ein Einspruch der Moderne, der dann auf mich promt schon fast als Stilbruch wirkt.

Grüße
Franz

Quoth
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Beitragvon Quoth » 06.02.2012, 10:35

Hallo, Renée, vielen Dank für freundliche Worte. Was die "Monde" betrifft, so verdanken sie sich dem Jambus, in den "Monate" nicht gepasst hätten. Aber da der Mond am Himmel stand, als das Foto gemacht wurde (nicht von mir), schien es mir legitim, hier mit einem Altertümchen zu arbeiten.
Hallo Xanthippe, Dein Lob erfreut mich sehr, ich weiß, Du wirfst damit nicht um Dich.
Hallo Gabriella, ich habe zu viel versprochen! Der Fotograf rückt das Bild nicht heraus. Und es wäre vielleicht auch eine Enttäuschung - nachdem der Text ja offenbar ein recht eindrucksvolles Bild in den Köpfen der Leser/innen hat entstehen lassen.
Hallo, allerleirauh - "ganz großes kino" - vielen Dank! - aber gibt der Text das wirklich her? Ich bin überrascht, ich habe ihn recht schnell zusammenmontiert.
Ja, Jelena, es war eine blaue Stunde und der Mond war sichtbar am Himmel. Die einzige Alternative wäre "vor Monaten", aber das ging aus erwähntem Grund nicht. Die Wiederholung in den Endstellungen stört? Hm. Muss ich mal ausprobieren!
Hallo, RäuberKneißl, dass Du mich mit Weihewichtel George in Verbindung bringst, finde ich nicht gerade schmeichelhaft! Er hat die vier Vierzeiler gemocht und ganze Bücher damit gefüllt, und er hat auch mal "Monde" statt Monate geschrieben - aber damit sind die Parallelen wohl auch schon erschöpft, oder? Montiert hat er nie, und Wiederholungen hat er gemieden. Dass man beim Montieren leicht ins Surreale vorstößt, erscheint mir handwerklich bedingt, als Stilbruch nur, wenn stilistische Homogenität höher gehängt wird, als ich es tue.
Mit Dank für Befassung
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

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Beitragvon Mucki » 06.02.2012, 11:28

Hallo Quoth,
Quoth hat geschrieben:Hallo Gabriella, ich habe zu viel versprochen! Der Fotograf rückt das Bild nicht heraus. Und es wäre vielleicht auch eine Enttäuschung - nachdem der Text ja offenbar ein recht eindrucksvolles Bild in den Köpfen der Leser/innen hat entstehen lassen.

könnte glatt passieren *lach*. Es ist ja auch fast immer so mit Filmen, die man sieht, nachdem man das Buch gelesen hat. ;-)

Liebe Grüße
Gabriella

Quoth
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Beitragvon Quoth » 06.02.2012, 17:40

Hallo Gabriella,
die Parallele stimmt nur, wenn es sich bei dem Buch um die "novelization" eines Originaldrehbuchs handelt - wie es sie z.B. von Peter Weirs "Club der toten Dichter" gibt.
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.


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